Victor Wembanyama ist einmalig. Diese Mischung aus Länge und Beweglichkeit hat die NBA noch nicht gesehen. Dass Wemby in Jahr drei bereits zu den fünf besten Spielern der Welt gehört, hat dennoch auch andere Gründe.
Tiefere Gründe, die selbst eine existenzielle Krise zu einer wertvollen Lernerfahrung umdrehten. Wembanyama ist anders. Nicht nur physisch. Nicht aus Zufall. Er will es so. Wie wurde er also zu dem, der er heute ist? Und wie wird er zu dem, der er irgendwann sein möchte?
Was, wenn du knapp 2,30 Meter groß bist, eine Armspannweite von rund 2,45 Meter hast, nahezu jeden Wurf blocken kannst, um danach mit der anderen Hand den Ball einzusammeln, selbst den Fastbreak zu starten, vorne um Verteidiger herumzutanzen und danach brachial zu dunken? Wenn du dich als größter Spieler der NBA bewegst wie ein Guard und gleichzeitig fast allein den Raum zwischen Ring und Perimeter verteidigst? Wenn du der besonderste Basketballer bist, den die Welt je gesehen hat, und das am Ende nicht einmal das Besonderste an dir ist?
Genau in diesem Moment bist du Victor Wembanyama.
Dass diese Kombination entstand, die es so eigentlich gar nicht geben dürfte, liegt einerseits an physischen Voraussetzungen, an Länge, an Bewegungstalent, andererseits eben auch an dem Körperteil, das über allem thront, das alles steuert. Wembanyamas Größe beginnt im Kopf. "Ich wurde wahrscheinlich damit geboren, dass ich Dinge anders machen will, auf meine Art", sagte er einmal. "Ich bin wirklich froh, dass ich die Willensstärke behielt, Coaches mich nicht in eine Schublade stecken zu lassen. Das war wirklich ein täglicher Kampf."
Größer als alle ist Wemby schon immer. Allein das öffnet im Basketball Schubladen. Länge passt am besten in die Zone. Wo die Wege zum Ring eh schon kurz sind, staucht sie sie weiter zusammen. Im Optimalfall kommt ein solider Wurf hinzu. Mindestens aus der Mitteldistanz, noch besser von ganz draußen. Den Ball bekommen die Längsten meistens eher, um schnellstmöglich abzuschließen. Dribblingabenteuer vermeiden Coaches. Jedenfalls die meisten.
Mit Abstand der Größte? Egal – Wemby lernt von "Pistol Pete" und den And1 Mixtapes
Isiah Thomas’ Spiel zieht Karim Boubekri magisch an; wie er Defense durch Drives und Dribblings auseinander nahm, wie er durch seine Bewegungen Vorteile für sich und seinen Mitspieler erschuf, wie er seiner Selbst durch sein Spiel Ausdruck verlieh – so muss der Sport sein, denkt Boubekri. So lehrt er ihn. Als Coach nimmt er Anleihen von Freigeistern, von Pete Maravich und den AND1 Mixtapes und gibts sie seinen Spielern weiter. Damit sie mehr sein können auf dem Feld.
"Spieler wollen sich offensiv ausdrücken, das bevorzugen sie", erzählt Boubekri ESPN. "Und damit sie sich offensiv ausdrücken können, musst du sicherstellen, dass der Ball kein Hinderungsgrund ist." Nur wer den Ball gut behandeln kann, kann seine Persönlichkeit auf dem Feld entdecken. In Boubekris Augen gilt das für alle. Groß und klein, Center und Guards. Und damit auch für einen ziemlich großen Jungen, den er während dessen Kindheit trainieren darf.
Als der nicht ganz so kleine Vic zu Boubekri kommt, öffnet der Coach nicht etwa eine Schublade. Obwohl er alle überragt, trainiert Wemby wie alle. Um sein Ballhandling zu verbessern, gibt ihm Boubekri während Drills Torwarthandschuhe. Er zeigt ihm, dass er den Ball trotz seiner Größe niedrig dribbeln soll. Obwohl er aus jeder Masse heraussticht, ist Wemby bei Boubekri einer von vielen. Einer, der nicht mehr oder weniger kann, weil er körperlich andere Voraussetzungen mitbringt.
Boubekri gibt Victor etwas Spezielles mit; etwas, das ihn noch heute prägt. Er öffnet seine Perspektive auf das Spiel, aber auch auf sich selbst. Grenzen verschwinden nicht nur, sie entstehen gar nicht erst. Victor ist nicht jemand, weil er ist, wie er ist. Er kann sein, wer er will, weil er lernen kann, was er will: keine künstliche Grenze im Kopf, keine künstliche Grenze auf dem Feld.
Gecoacht von Mama und Papa
Die Vorzüge des Lernens lernt Victor noch früher kennen. Zu Hause. Vater Felix, einst Leichtathlet, bringt den Kindern sowohl den Hochsprung, seine Spezialdisziplin, als auch das Rennen bei. "Es gibt eine korrekte Art zu rennen", erzählt Wembanyama EuroLeague Basketball einmal. "Solche Dinge brachte er mir bei." Lief Victor die Treppen hoch, erklärt ihm Felix, wie er am besten oben ankommt. Er lehrt seinen Sohn, der noch größer ist als er, der noch größer sein würde als die meisten, wie er seinen Körper spüren und kontrollieren kann.
Basketball bringt Victor wiederum seine Mutter Elodie de Fautereau näher. Einst selbst Profi, trainiert sie ihren Sohn jahrelang. Elodie führt Victor in die Grundlagen des Spiels ein, weckt seine Leidenschaft, danach zieht sie sich zurück. "Nicht, dass sie nicht dabei sein wollte", erklärt Wembanyama, "aber sie kennt ihre Rolle. Sie weiß, dass man sich als Eltern manchmal besser zurückzieht oder auf dem Weg seiner Kinder nicht zu involviert ist."
Felix und Elodie schaffen ein Fundament, das vermittelt und Sicherheit gibt. Auf dieser Basis können sich Victor, seine ältere Schwester Eve und sein jüngerer Bruder Oscar frei entwickeln – auch weil sie wissen, dass da immer vier andere sein werden, auf die sie sich verlassen können, die an ihrer Seite stehen. Das gibt die Sicherheit, sich niemals festlegen zu lassen, um anderen gefallen, stattdessen zu experimentieren, Dinge auszuprobieren, um zu werden, wer man sein kann.
Wemby? "Angsteinflößend"
Als Jamal Crawfords Handy im März 2024 vibriert, rechnet er wohl nicht mit Bouna Ndiaye. Noch weniger mit dessen Anliegen. Wembanyamas Agent fragt, ob Crawford im Sommer nach Texas kommen wolle, um mit Wemby an dessen Spiel zu arbeiten. Dass Bigs sich während der Pause Ratschläge von Hakeem Olajuwon, dem Paten beweglicher und fintenreicher Übergroßer, holen, gehört längst dazu. Aber J Crossover als Mentor für den Größten der Liga?
Wie Crawford Verteidiger loswurde, so schreibt Ndiaye, habe Wembanyama beeindruckt. Nun wolle er sich ein paar Tipps holen und zudem an seinem Pull-up-Dreier arbeiten; mit einem, der den schnellen Wurf aus dem Dribbling zur Kunstform erhob. Nach ein paar gemeinsamen Tagen im Juni verlässt Crawford Texas beeindruckt und fast ein wenig verschreckt.
"Wie schnell er lernt, ist schon angsteinflößend", blickt Crawford bei Sports Illustrated zurück. "Er hat Fußbewegungen und Rhythmen, für die ich Jahre brauchte, in Minuten verinnerlicht." Noch mehr beeindruckt habe ihn Wemby jedoch während gemeinsamer Abendessen nach den Einheiten. "Ich habe noch keinen 20-Jährigen wie ihn getroffen", sagt er. "Mit Bezug auf Basketball ist die Arbeit mit ihm eine der besten Sachen, von denen ich jemals Teil sein durfte."
Wembanyama treibt eine natürliche Neugierde an. Er will lernen, Neues entdecken und anwenden. Gleichzeitig will er sich niemals einengen lassen. Die Schublade. Auch abseits des Courts möchte er sie niemals betreten.
Schach in New York
Weihnachten 2024 verbringen die Spurs in New York City. Am Christmas Day spielen sie gegen die Knicks, kurz darauf gegen die Nets. Mehrere Tage sind sie in der Stadt. Nun ließe sich die Zeit bis zum Abflug nach Minnesota bestens mit Shopping, Filmen oder Videospielen verbringen. Wembanyama hat andere Ideen. Er spricht mit Issa Mboh, Chef des globalen Marketings seiner Berateragentur Comsports.
Seine Zeit ohne Ball verbringt Wemby unter anderem gern am Schachbrett. Er liebt den Wettkampf. Also bittet er Mboh, einen Park zu finden, in dem er ein Schachturnier mit seinen Social-Media-Followern veranstalten kann. Versteckte Möglichkeiten böte New York genügend. Die Wahl fällt auf den Washington Square Park. Es ist kalt, regnerisch. Dennoch sitzt Wemby am südwestlichen Ende des Parks und spielt ein paar Spiele gegen Fans.
Das Andere. Die Abwechslung. Die Vielseitigkeit. Die Balance aus Sport und weiteren Beschäftigungen. Wembanyama braucht sie. Schach bietet sich auch deshalb an, weil es tiefes Hineindenken, permanentes Dazulernen und strategische Planung erfordert. "Ich verstehe Dinge einfach gern", sagt Wembanyama einmal zu Sports Illustrated – und er probiert gern aus.
Raumfahrtingenieur? Schriftsteller? Basketballer!
Als die Spurs Brandon Sanderson, den stellvertretenden Dekan der University of Texas und einer der führenden Experten für die Geschichte der Black-Power-Bewegung, einladen, vor ihren Spielern über das Wählen zu referieren, bleibt Wemby danach. Obwohl er in den USA nicht wählen darf, hat er Fragen. Er will verstehen. So vieles wie möglich. Immer.
Deshalb lässt er von Ndiaye 2023 ein Treffen mit dem französischen Astronauten Thomas Pesquet organisieren. Man habe während der Unterhaltung kaum auseinanderhalten können, wer denn nun der Astronaut gewesen sei, erinnert sich Ndiaye bei Sports Illustrated.
Gregg Popovich glaubt, Wemby könne gut auch Schriftsteller sein. Jordan Howenstine, Wembanyamas PR-Bezugsperson bei den Spurs, kann sich den Franzosen als Raumfahrtingenieur vorstellen. Selbst außerhalb des Basketballs erscheinen die Möglichkeiten endlos. Wembanyama interessiert sich für Kultur und Kunst – Keith Hering ist sein Lieblingskünstler; als Kind zeichnete er gern mit dem Bleistift.
Noch heute liest er Fantasy-Romane, wann immer er Zeit findet. Legendär ist die Szene vom All-Star Game 2025, als Wemby im Locker Room ein Buch dabei hat und Nikola Jokic erst ungläubig nachfragt und auf Wembanyamas Antwort, er mache das bei jedem Spiel, nicht weniger verstört erscheint.
Dabei ist Wemby keinesfalls sonderbar. Seiner Auffassung nach schenkt uns das Leben schlicht zu viel Lehrstunden, als dass er sich auf diese ein, zwei, drei Dinge fixieren möchte. Noch ein Grund, weshalb er ungewöhnliche Routen wählt, um sich zu verbessern. Was wissenschaftlich sogar größten Sinn ergibt.
Wembanyama, Kobe, Jordan – und die "Nowitzki Spots"
"Es gibt immer mehr Untersuchungen, die besagen, dass vielseitiges Training, der Kontakt zu unterschiedlichen Spielarten, wichtig ist", sagt Rob Gray, Sportwissenschaftler für die Chicago Cubs und Professor für Human Systems Engineering an der Arizona State University, gegenüber The Ringer. "Das macht dich anpassungsfähiger und zu einem besseren Problemlöser, als wenn du immer dasselbe Play durchläufst."
Für Gray sei das auch ein Grund, "weshalb großartige Spieler immer aussehen, als wären sie allen anderen einige Sekunden voraus. Sie nehmen Dinge wahr, kurz bevor sie passieren. Wie bei großen Schachmeistern nähmen sie Hinweise und Muster auf und reagierten entsprechend."
Trainiert Wembanyama mit Crawford, möchte er sich genau solche Vorteile verschaffen. Mit Popovich findet er während seiner Rookie-Saison zudem den perfekten Verbündeten. Pop begreift Wemby nicht nur wegen seiner körperlichen und basketballerischen Fähigkeiten als Geschenk. Einer der besten Coaches der Geschichte erhält kurz vor Ende seiner Karriere noch einmal die Gelegenheit, ein ganz besonderes Talent zu formen.
Wie Boubekri Jahre zuvor, sieht auch Popovich Gelegenheiten, die Wahrnehmung des Möglichen zu dehnen. Pop ermutigt Wemby, den Ball nach dem Rebound selbst nach vorne zu bringen. Das Pick-and-Roll soll er sowohl als Ballhandler als auch als Blocksteller laufen. Wembanyama arbeitet auf dem Flügel und im Highpost, an den "Nowitzki Spots", wie Popovich sie nennt. "Wir wollten einfach sehen, was da war und wo er sich selbst in seiner Haut am wohlsten fühlte, wo er sich hingezogen fühlte", erklärte der Coach Sports Illustrated seinen Ansatz.
Gleichzeitig soll Wemby von allen lernen. Er soll sich ansehen, wie sich Steph Curry nach einem Pass bewegt. Bei Michael Jordan und Kobe Bryant soll er sich die Fußarbeit abschauen. Viel für einen 20-Jährigen im Körper eines Laternenpfahls. Doch es fruchtet. "Zu sehen, wie gewissenhaft, detailliert und diszipliniert er in seinem Alter war, war überwältigend", erinnert sich Spurs-General-Manager Brian Wright bei Sports Illustrated. Dabei ist für Wemby all das normal.
Sein Spiel zu erweitern, um nicht nachdenken zu müssen, wenn er etwas Verrücktes machen will, sei die einzige Lösung für ihn, sagt er. "Ich glaube, ich habe noch in keinem Spiel alles angewandt. Nicht in einem. Irgendwann möchte ich eine große Auswahl an Möglichkeiten haben, die ich komplett beherrsche. Ich möchte auf dem Court nicht diese eine Rolle haben. Ich will nicht nur der Shot-Blocker sein. Ich will nicht nur Scorer sein. Ich will nicht nur Playmaker sein. Ich will all das zusammen sein." Lernen, um zu können. Das treibt Wembanyama an. Zudem verfolgt er einen klaren Plan.
Wemby und seine Karriere vom Reißbrett – ohne jede Schablone
Mit 15 steht Victor alles offen. Der FC Barcelona möchte ihn, das berühmte Institut National du Sport, de l’Expertise et de la Performance, besser bekannt als INSEP, das bereits Tony Parker, Boris Diaw und Evan Fournier ausbildete, will ihn. Gleichzeitig ist da dieser kleine Verein nahe Paris, in der Nähe von Vics Heimstadt Le Chesney. Elf Mal steigt Nanterre 92 innerhalb von 24 Jahren auf, gewinnt 2013 sogar die Meisterschaft. Eine schöne Geschichte.
Vor allem kennt Victor den Coach, seit er für die Jugendteams spielte, und Beziehungen sind ihm wichtig. Noch wichtiger: Nanterre möchte Victor in keine Schablone pressen. Der Verein gestattet ihm, so an seinem Spiel zu arbeiten, dass er alles lernen kann. Er darf jede Position spielen, sich ausprobieren. "Victors Coaches in Nanterre verstanden alle, dass du ihn sein Spiel spielen lassen musst“, erinnert sich Jeremy Medjana, der Wembanyama vertritt, seit der 15 ist. "Zieh ihn nicht unter den Korb und verlange von ihm, dass er mit dem Rücken zum Korb spielt. So killst du ihn. Victor ist ein kompletter Spieler. Du musst ihn spielen lassen."
Nanterre lässt ihn spielen. Und fördert ihn. Alles ist so organisiert, dass Vic wachsen kann. Körperlich und spielerisch. Zeitweise dokumentieren Verantwortliche ein Wachstum von einem Zentimeter pro Monat. Seine Coaches erhalten ein Büro in seiner Schule nahe der Trainingshalle. Zudem gibt es einen eigenen Kühlschrank für seine fünf Mahlzeiten pro Tag. Es funktioniert. Auch weil Victor will.
Als sein Wurf wackelt, weil er die Finger der linken Hand beim Release abspreizt und damit die Rotation des Balls beeinträchtigt, geht er in sich. Überlegt. Findet eine Lösung. Nach ein paar Wochen ist der Fehler plötzlich verschwunden. Seine Coaches fragen nach. Er habe sich kleine Papierstücke zwischen die Finger seiner linken Hand geklemmt, antwortet Victor. Die wollte er festhalten. So habe er sich das Abspreizen abgewöhnt. Sobald Vic weiß, weshalb er etwas tut, tut er es. Früh lernt er deshalb Englisch. Für einen, der später einmal in der NBA spielen will – und das ist der Plan seit frühester Kindheit – ergibt es schlicht Sinn.
Der Hype wächst
Victor lebt in der Halle, nimmt nach dem Training Extraschichten, um an seinem Wurf und seinem Spiel zu feilen. Der Hype wächst. Frankreichs Nationalmannschaft sieht ihn und staunt. 2019, mit 15, spielt Vic erstmals für Nanterre im Eurocup. Und auch immer mehr Menschen aus der NBA nehmen Notiz. Nicht zuletzt Tony Parker.
Dessen Karriere klingt 2019 in Charlotte aus. Parallel übernimmt er als Präsident und Mehrheitseigner ASVEL Lyon-Villeurbanne. 2021 wechselt Wemby nach Lyon. Frankreichs größte Legende nimmt Frankreichs größtes Talent unter ihre Fittiche. Nur ist ASVEL nicht Nanterre. Der Klub strebt nach Höherem, will Meisterschaften gewinnen. Was soll da ein 17-Jähriger?
Für den Anfang könnte er im ersten Training einen Dreier aus der Ecke blocken, nachdem er Sekundenbruchteile zuvor noch unter dem Ring stand, sich in einer geschmeidigen Bewegung den Ball schnappen und ihn auf der anderen Seite durch den Ring schmettern. Ein ganzes Team ist beeindruckt.
Wegen Verletzungen, aber auch weil das Team zu große Ziele verfolgt, um die Entwicklung eines 17-Jährigen ins Zentrum seiner Ambitionen zu stellen, spielt Victor dennoch nur rund 20 Minuten pro Spiel. Zu wenig. Der Plan, er sieht anderes vor. Es mag etwas narzisstisch klingen, um seine Idee in die Realität zu übersetzen, benötigt Vic jedoch Freiraum. Das Spiel muss um ihn kreisen. Dafür braucht er den richtigen Coach, der ihn einerseits pusht, ihm Dinge lehrt, der ihm andererseits Freiheiten gibt.
Ein perfektes Ökosystem für den NBA-Traum
Boulogne-Levallois Metropolitans 92 bietet beides. Mehr noch. Der kleine Klub aus der Pariser Gegend versteht Wemby als Chance. So viel Talent bekommt er normalerweise nicht. Dafür gestaltet Metropolitans alles um Victor herum. Alles dreht sich um seine Entwicklung. Der Klub wählt Spieler, die zu ihm passen, lässt Vic sogar beim Trainer mitreden. Die Wahl fällt auf einen ganz großen Namen: Vincent Collet, Frankreichs Nationaltrainer, übernimmt das Team.
"Ich weiß ein wenig darüber, was ihn erwartet und ich versuche, ihn so vorzubereiten, dass er mit seiner Situation und all den hohen Erwartungen umgehen kann", sagt Collet gegenüber ESPN. "Jeder wird auf seine Leistung warten, dafür muss er bereit sein. Für einen jungen Spieler ist das nicht einfach."
Leicht macht es sich Wemby nicht. Zwar soll alles so gestaltet sein, dass er sich bestmöglich entwickeln konnte – Metropolitans 92 reist daher zum Showcase gegen G-League Ignite, damit sich Vic schon mal ansehen kann, was ihn in den USA erwartet –, gleichzeitig unternimmt er alles, um seinem Ruf auch gerecht werden zu können.
Um seinen ungewöhnlich langen Körper auf maximale Strapazierfähigkeit zu trimmen, arbeitet Wemby seit Jahren an seiner Beweglichkeit und Rumpfmuskulatur. Er dehnt seine nackten Füße, wickelt Widerstandsbänder um seine großen Zehen, wandert danach auf Finger- und Zehenspitzen durch Räume. Der Wembanyama-Ansatz. Es funktionierte.
Victor Wembanyama: Gemacht für die moderne NBA
Beinahe in dem Moment, in dem Victor Wembanyama NBA-Parkett betritt, beeinflusst er das Spiel. Es beginnt leise, schleichend. Während seiner Rookie-Saison verlieren die Spurs mehr, als sie gewinnen. Deutlich mehr. Mit ihrem Nummer-1-Pick sind sie trotzdem klar besser. In Jahr zwei stellt San Antonio mit Wembanyama bereits eine leicht überdurchschnittliche Offense, zudem eine elitäre Defense.
Mit seiner Länge und Agilität ist Wemby schlicht perfekt gerüstet für die moderne NBA, in der die Großen am besten noch größere Räume schützen und für sich einnehmen. Wembanyama gelingt es sowohl horizontal als auch vertikal. The Ringer ermittelt, dass Wemby mehr Würfe aus über drei Metern Höhe blockt als jeder andere. Heißt: Er erreicht Bälle, die für den Rest der Liga zu hoch fliegen.
Doch es ist nicht nur die Physis. Wembanyama hat dieses ganz spezielle Gespür für das Spiel. Manchmal wirkt es, als hätten ihn Ballhandler irgendwo hinter sich gelassen… bis er plötzlich aus dem Hinterhalt herangleitet und Scoring-Fantasien gnadenlos zerstört. Vic bewegt sich schnell, entscheidet schnell. Manchmal wirkt es, als sei er an zwei Orten gleichzeitig. Spielt er, trauen sich Gegner daher deutlich seltener Abschlüsse in der Zone zu.
Dass er 2025 zusätzlich als damals viertjüngster Spieler der Geschichte 50 Punkte einstreut, illustriert, dass da ein Two-Way-Monster entsteht, das die Liga auf Jahre hinaus dominieren könnte. Alles läuft nach Plan. Bis es nicht mehr nach Plan läuft.
Victor Wembanyama: Thrombose beim Sophomore
Nach dem letzten Spiel vor dem All-Star Game 2025, einer Niederlage gegen Boston, fühlt sich Victor plötzlich schlapp. Ähnlich geht es ihm bereits zum Start von San Antonios Roadtrip Anfang Februar in Memphis. Er denkt an einen kleinen Virus, der sein Immunsystem gerade genug beschäftigt, dass er es spürt. Auch sein junges Alter und die Strapazen einer langen NBA-Saison zieht er zunächst in die Verantwortung. Beim All-Star Game selbst fehlt weiterhin die Energie. Wemby schleppt sich über den Court; weniger Tage später ist klar, weshalb.
Nach dem Wochenende reist Wembanyama nach Wyoming. Er möchte durchschnaufen, sich wieder aufladen. Stattdessen verspürt er plötzlich ein ungutes Gefühl im rechten Arm. Eine Schwellung. Wemby alarmiert den medizinischen Stab der Spurs. Es folgen Test, danach die Gewissheit: Blutgerinnsel in der Schulter, Thrombose. Saison beendet. Karriere - Erinnerungen an Chris Bosh drängen sich auf - eventuell gefährdet.
Als "traumatisch" beschreibt Wemby später Diagnose und Folgezeit. Gleichzeitig wäre er nicht Wemby, vermutete er hinter dem Schicksal nicht auch gleichzeitig einen Lehrauftrag. Noch zielgerichteter, noch nachdrücklicher möchte er ab sofort seinen Weg verfolgen, dabei noch unkonventionellere Maßnahmen ergreifen, neue Perspektiven kennenlernen und all das voll ausnutzen, was ihm sein Status als NBA-Superstar schenkt.
NASA, Kung Fu im Shaolin-Tempel und Workouts aus der Hölle – Wembys "brachialer" Sommer
In seiner Heimatstadt Le Chesnay organisiert Wembanyama ein Schachturnier. Später besucht er das Johnson Space Center der NASA. Er reist nach Costa Rica und Tokyo, verbringt in China zehn Tage in einem Shaolin-Kloster, macht Kung Fu, meditiert mit den Mönchen. Und natürlich ist er nicht einfach dabei. Wemby verdient sich den Einstiegsrang des Kung Fu. Mit knapp 2,30 Metern. In wenigen Tagen.
"Es war extrem hart", erinnert er sich gegenüber L’Equipe. "Wir entdeckten Bewegungen, die wir noch nie durchgeführt hatten. Es waren mehr als 1.000 Kicks pro Tag, Sprünge, Balance-Übungen, Stretching. Wir nutzten Muskeln, die wir sonst kaum nutzen, die wir schnell überlasteten. Ich hatte einige der größten Schmerzen meines Lebens." Fertig ist Wembanyama dennoch nicht.
Nach seiner Rückkehr beginnen die Schmerzen erst richtig. Wemby startet ein "brutales", "brachiales" Offseason-Programm. Harrison Barnes bittet er, ihn zu dessen Constraint-Approach-Learning-Einheiten in Los Angeles mit Noah LaRoche mitzunehmen. Durch gezielte Einschränkungen (Constraints) möchte er dort seine Problemlösungsfähigkeiten auf dem Court verbessern. Schwierigkeiten erkennen, um sie kreativ und schnellstmöglich lösen zu können. Es ist Wembanyama ein zentrales Anliegen. Auch abseits des Feldes.
Erst verstehen, dann lösen – und nie etwas tun, um es getan zu haben
Als Barnes eine Methode der Spurs, den Wurffortschritt ihrer Spieler zu messen, für unzureichend hält, findet er in Wemby den passenden Partner. Der Franzose sieht es ähnlich. Er schnappt sich einen Stift und schreibt seine Gedanken auf ein Whiteboard. Wembanyama überlegt, ob ein Diagramm besser wäre als die verwendete Kurve; ob die Daten nicht wöchentlich erhoben werden sollten.
Er kreiert Testfälle für drei imaginäre Spieler, spricht von Koeffizienten. Wemby überlegt, weshalb es nicht funktioniert, wie es besser funktionieren kann und was dafür notwendig ist. Er will verstehen, hinter Fassaden blicken, Dingen auf den Grund gehen – und er macht nichts, nur um es zu machen. Er tut Dinge, weil er sie tun möchte.
"Die meisten von uns wollen ein schönes Vermächtnis, ein schönes Bild von sich kreieren, weil sich Menschen genau daran erinnern", erklärt Wembanyama der New York Times. "Andererseits, glaube ich, ist authentisch sein der beste Weg für mich, ein positives Bild zu erzeugen, die richtige Botschaft zu senden, die ich auch senden möchte. Einfach mich nicht zwingen, Dinge zu tun, die nicht zu mir passen, oder Dinge sagen, die ich nicht glaube."
Das gilt für Alltägliches, ebenso für seine Marke. Geht Wembanyama eine Geschäftspartnerschaft ein, ist Geld nicht der größte Antrieb. Vor allem möchte er ein Ökosystem an Dingen erschaffen, für die er einstehen kann, "um ein Vermächtnis an Dingen zu erschaffen, die ich hinterlassen möchte." Dafür erstellt er mit seinen Agenten einen klaren Plan, der auch beinhaltet, dass er seine französischen Wurzeln auch in den USA lebt. Wembanyama möchte er bleiben, statt sich zu Amerikanisieren. Die Authentizität.
Wemby prägt eine Kultur – und lernt immer weiter
Wembanyama ist sich seiner selbst bewusst; weil er Dinge durchdenkt; weil er vorbereitet ist; weil er versteht; weil er Zusammenhänge herstellen und darauf seine Entscheidungen aufbauen kann. Er kennt Eventualitäten und weiß daher, wann er wie reagieren muss. Aus Wissen wird Intuition. Damit das auch auf dem Feld gilt, lässt er sich schleifen. Dass er in Nanterre seinen Coach aussuchen wollte, lag nicht daran, dass er einen möglichst kurzen Draht für die eine oder andere Pause haben wollte. Statt einer Extrabehandlung sucht er Härte.
Für Wemby muss alles fair ablaufen, sagt Spurs-Coach Mitch Johnson. "Das gibt uns Coaches die Möglichkeit, ihn härter zu coachen, ihn zur Verantwortung zu ziehen." Das Verlangen nach hartem Coaching, hebe einzelne Spieler von anderen ab, erklärt ein NBA-Verantwortlicher NBC News. "Hast du so jemanden, steht die Kultur." In San Antonio scheint sie zu stehen.
Bereits in Wembanyamas drittem Jahr sehen die Spurs aus, als könnten sie um die Meisterschaft mitspielen. Das liegt an De’Aaron Fox, an Stephon Castle, Julian Champagnie, Barnes, Devin Vassell, Keldon Johnson, Dylan Harper, Luke Kornet, an allen Beteiligten. Zu großen Teilen liegt es an Wemby und seinem Drang, immer weiter zu wachsen. Verlegte er seine Offense vergangene Saison noch gern hinter die Dreierlinie, geht er in diesem Jahr deutlich häufiger zum Ring oder in die Mitteldistanz. Gegenstrategien anderer Teams – wie die der Suns, ihn mit kleineren, physischeren Spielern zu bearbeiten –, nimmt er auf, verarbeitet sie und entwickelt Gegenlösungen.
Offensiv wirkt er manchmal noch etwas überhastet, als wolle er vielleicht ein Stück zu viel. Gleichzeitig verarbeitet er Herausforderungen in Echtzeit. Nach seinem Rookie-Jahr sagte er L’Equipe, sein Potenzial sei "zu 15 Prozent" ausgeschöpft. Der neue Wert ist noch nicht bekannt. Er dürfte deutlich höher liegen, und doch längst nicht am Anschlag sein.
Wemby bleibt ein Lernender – und das macht ihn gerade wegen seines Talents und seiner körperlichen Voraussetzungen zu etwas ganz Besonderem.
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