Der Große Preis von Monaco 1988 wurde zu einer nie dagewesenen Machtdemonstration von Formel-1-Ikone Ayrton Senna. Der Brasilianer fuhr seine Gegner in Grund und Boden und degradierte das gesamte Feld zu Statisten. Am Ende stand die Motorsport-Ikone trotzdem mit (fast) leeren Händen da.
Der Große Preis von Monaco ist mittlerweile zwar nur noch einer von vielen Stadtkursen im Formel-1-Kalender. Im Gegensatz zu Baku, Miami, Las Vegas oder auch Singapur versprüht das Rennen im Fürstentum aber immer noch eine ganz besondere Magie. Es ist ein Rennen, das ausnahmslos jeder Fahrer mindestens ein Mal in seinem Leben gewinnen will, vielleicht sogar muss, um zu den ganz Großen zu zählen.
Ayrton Senna erfüllte sich diesen Traum erstmals in der Saison 1987. Schon dieser Sieg war etwas Besonderes. Der Brasilianer war in seinem Lotus eine Klasse für sich. Nach 78 Runden hatte er nur zwei Fahrer nicht überrundet. Sein Vorsprung auf den zweitplatzierten Nelson Piquet betrug sagenhafte 33 Sekunden. Seine beste Rennrunde war eine volle Sekunde schneller als die schnellste Runde seiner Konkurrenz. Ein Klassenunterschied.
Dass es noch dominanter geht, bewies Senna nur ein Jahr später. Seine Performance beim Monaco-GP 1988 sprengte alle bekannten Dimensionen und gilt bis heute als eine der größten Glanzleistungen in der Geschichte der Königsklasse.
Senna 1,4 Sekunden schneller als der Zweite
Schon im sogenannten Vor-Qualifying am Freitag legte Senna bei nassen Bedingungen in seinem dominanten MP4/4 McLaren die klare Bestzeit hin. Während die anderen Piloten rechts und links durch die Leitplanken schlingerten und Unfälle am Fließband produzierten, steuerte der Brasilianer seinen technisch überlegenen Boliden wie auf Schienen über den Kurs. Es war der Vorbote auf das, was noch kommen sollte.
Im Qualifying schaltete Senna einen weiteren Gang höher und brachte seinen Wagen Runde für Runde ans Limit. Sein finaler Versuch kam dem perfekten Umlauf gleich. Eine saubere Linie durch Sainte Devot, Vollgas bis hinauf zum Casino, gefühlvoll durch die Haarnadelkurve, rein in den Tunnel, halb rutschend, halb fliegend durch die Schikane, vorbei am Schwimmbad, zurück auf Start-Ziel. Fehlerfrei, versteht sich. Nach seiner letzten Zieldurchfahrt stand die Pole-Zeit: 1:23,998 Minuten! Ein Fabelwert.
Allein seinem Teamkollegen Alain Prost, bis dahin immerhin schon zweifacher Weltmeister, nahm Senna in der Quali unglaubliche 1,427 Sekunden ab. Gerhard Berger (Ferrari) hatte als Dritter bereits 2,687 Sekunden Rückstand. Zum Vergleich: So groß ist der Abstand in der modernen Formel 1 zwischen dem Ersten und Letzten.
Senna war "in einer anderen Dimension"
Spätestens nach diesen beiden Tagen war klar, dass es im Rennen am 15. Mai 1988 nur einen Sieger geben kann: Ayrton Senna.
Von der ersten Runde an deklassierte der Brasilianer die Konkurrenz. Senna zog vom Start weg davon und zeigte den Fans eine wahrhaft meisterliche Vorstellung. Nach nur sechs Runden lag der Pole-Mann 7,6 Sekunden vor dem ersten Verfolger. Nach zehn Umläufen hatte er seinen Vorsprung auf 13 Sekunden ausgebaut. Zwischendrin stellte Senna neue Rundenrekorde auf.
Es war mehr als nur ein Klassenunterschied. Was Senna in diesen Minuten auf den Asphalt zauberte, war nicht von dieser Welt. "An diesem Tag habe ich realisiert, dass ich während des Fahrens nicht mehr bei Bewusstsein war. Ich war in einer anderen Dimension. Die Strecke war wie ein Tunnel für mich, den ich einfach entlanggefahren bin", erinnerte sich Senna später an seine magische Vorstellung.
Der Außerirdische landet in der Realität
Bis zur 64. Runde baute Senna seinen Vorsprung auf den Rest des Feldes auf sagenhafte 55 Sekunden aus. Zwischendrin sah es sogar so aus, als ob er alle anderen Fahrer überrunden würde.
Doch dann erreichte den Brasilianer ein folgenschwerer Funkspruch. Ron Dennis, Teamchef von McLaren, gab ihm die Order, vom Gas zu gehen, um den sicheren Doppelsieg nicht zu gefährden. Senna folgte der Anweisung - und wurde nachlässig.
"Ich bin vom Gas gegangen, so wie Dennis mir gesagt hat. Ich wurde relaxed und abgelenkt", erklärte Senna später das, was in der 67. Runde geschah. In der Portier-Kurve vor dem Tunnel verlor er plötzlich das Heck und rauschte in die Bande. Seine Aufhängung brach, das Rennen war verloren. Der an diesem Tag Außerirdische war brutal in der Realität gelandet.
Ayrton Senna verschwindet spurlos
Der frustrierte Senna verschwand binnen Sekunden aus dem Blickfeld der Kameras und wurde bis zum späten Abend von keinem Menschen mehr gesehen. "Ich habe dauernd in seinem Appartement angerufen, aber er hat nicht abgehoben", erinnerte sich McLaren Co-Koordinator Jo Ramirez.
Erst um 22 Uhr habe er Senna endlich erreicht. "Ich weiß nicht, was passiert ist. Mir ist das Lenkrad aus den Händen gerutscht", soll der Brasilianer enttäuscht berichtet haben.
"Ich kann nicht noch besser fahren"
Doch so niedergeschlagen Senna an jenem Sonntag war, so groß war die Kraft, die er aus dem Rennen zog: "Es war der Wendepunkt. Dieser Fehler hat mich wachgerüttelt. Er hat mir die mentale Stärke gegeben, in kritischen Situationen cool zu bleiben. Das war der größte Schritt in meiner Karriere, als Rennfahrer und als Mensch. [...] Es war nicht einfach nur ein Fahrfehler. Es war die Konsequenz aus Problemen, die ich mit mir herumgetragen habe und die mich angreifbar gemacht haben."
Aus sportlicher Sicht habe er an diesem Tag sein persönliches Maximum erreicht und gewusst: "Ich kann nicht noch besser fahren. Dieses Gefühl", sagte Senna später, "habe ich nie wieder erreicht".





