Vor dem Achtelfinal-Rückspiel in der Champions League gegen Atalanta Bergamo wird der FC Bayern von einer nie dagewesenen Torwart-Misere heimgesucht. Die Keeper Nummer eins bis vier des deutschen Rekordmeisters könnten am Mittwochabend (ab 21 Uhr) allesamt ausfallen und so die Bühne frei machen für einen Teenager, der im unwahrscheinlichen Fall einer Verlängerung nur mit einer Ausnahmegenehmigung spielen dürfte: Leonard Prescott.
Manuel Neuer? Hat einen Muskelfasereinriss in der Wade. Jonas Urbig? Kämpft noch immer mit den Nachwirkungen einer Gehirnerschütterung aus dem Hinspiel. Sven Ulreich? Kann seinem Sensations-Comeback gegen Bayer Leverkusen keine Fortsetzung geben, weil die Adduktoren schmerzen. Und Bayern-II-Hoffnung Leon Klanac? Ist am Oberschenkel verletzt.
So könnte am Mittwoch auf der größten aller Bühnen im Vereinsfußball die Stunde eines 16-Jährigen schlagen, der bis Montag noch nicht einmal einen eigenen Wikipedia-Eintrag hatte. Doch plötzlich ist Leonard Prescott in aller Munde. (Video öffnet sich oben im Artikelbild)
Die Nachricht seines möglichen Debüts verbreitete sich wie ein Lauffeuer. Ob die spanische "Marca", "Olé" in Argentinien oder Englands Boulevardblatt "Sun" - alle schreiben über den Wunderknaben Prescott, der mit 1,96 Metern sogar Vorbild Neuer um drei Zentimeter überragt. Ein Profil, das nebenbei auch andernorts Begehrlichkeiten wecken soll.
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Alles steht und fällt mit der Genesung Urbigs, bei dem ein Wettlauf mit der Zeit droht. Auf Grundlage des "DFL-Protokoll Kopfverletzungen" wird der FC Bayern genau prüfen, ob der 22-Jährige seine Gehirnerschütterung tatsächlich vollständig auskuriert hat.
Sollte dies nicht der Fall sein, könnte die Stunde von Prescott schlagen. Medienberichten zufolge erhielte der U19-Schlussmann den Vorzug vor Jannis Bärtl, der bei der zweiten Mannschaft im Tor steht.
(Zu) mutig in der U19 des FC Bayern
Beim 6:1-Hinspiel-Erfolg stand Prescott erstmals im Profikader, der Youngster hat schon häufiger mit Neuer und Co. trainiert. Mit dem Routinier verbindet ihn eine besondere Geschichte: In der Champions League stand er schon öfter als Balljunge hinter dem Tor. Nun wird er womöglich darin gebraucht.
Der in New York geborene Deutsch-Amerikaner, der in Berlin aufgewachsen ist und 2023 von Union zu den Bayern wechselte, gilt als klar im Kopf und verlässlich, genießt intern volle Rückendeckung.
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"Er ist technisch überragend", schwärmte U19-Trainer Peter Gaydarov im vorigen Sommer: "Er könnte gefühlt im Feld mitspielen." Wie Neuer. Darüber hinaus sei Prescott, der sechsmal für die deutsche U17 auflief, "sehr mutig in seinen Aktionen" und "für sein Alter auf jeden Fall sehr weit".
Zuweilen aber auch zu mutig: Im U19-Stadtderby gegen 1860 vertändelte er Anfang Oktober mehrmals den Ball. Einer dieser Patzer führte zum entscheidenden 0:1.
Knackt Prescott den Scheuer-Rekord beim FC Bayern?
Kuriose Randnotiz: Damit Prescott den bisher jüngsten Münchner Torwart Sven Scheuer (Debüt 1989 mit 18 Jahren und 237 Tagen) ablösen kann, müssen die Bayern sich einer Sonderregelung im Jugendschutzgesetz bedienen. Diese erlaubt Sportlern auch unter 18 Jahren, nach 20 Uhr noch zu arbeiten - jedoch nur bis 23 Uhr.
Heißt: Im Falle einer Verlängerung bräuchte es eine Sondergenehmigung. Zum Glück aus Bayern-Sicht spricht kaum etwas für eine Extraschicht am Mittwoch, der Fünf-Tore-Vorsprung sollte in der heimischen Allianz Arena eigentlich reichen.
In der nächsten Runde würde es für die Münchner und Prescott, der nebenher seinen Realschulabschluss macht, voraussichtlich gegen Real Madrid gehen, das sein Hinspiel gegen Manchester City mit 3:0 gewonnen hat. Vielleicht wird schon am Mittwoch sein großer Traum real.
(mit AFP-Material)


































