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Schalkes Chefcoach spricht über den Abstiegskampf

Stevens-Interview: Schalke-Abstieg "wäre ein Drama"

Huub Stevens steckt mit den Schalkern noch immer im Abstiegskampf
Huub Stevens steckt mit den Schalkern noch immer im Abstiegskampf
Foto: © getty, Alexander Hassenstein
18. April 2019, 13:52

Seit gut einem Monat ist Huub Stevens wieder Trainer bei Schalke 04. Der 65-Jährige versucht, seinen Herzensklub vor dem Abstieg zu bewahren. Im Interview spricht er über Disziplin und Spaß im Abstiegskampf und Egoismus im Mannschaftssport.

Herr Stevens, Sie haben nach Ihrem Amtsantritt vor einem Monat gesagt, dies sei der schwerste Job, den Sie je hatten. Leichter ist er nicht geworden, oder?

Huub Stevens (Trainer Schalke 04): Nicht leichter. Aber ich sehe eine Entwicklung. Das siehst du noch nicht in den Ergebnissen, aber im Training. Es im Spiel umzusetzen, ist das Schwierigste.

Kritiker wie Stefan Effenberg oder Matthias Sammer sagen, Schalke spiele den schlechtesten Fußball der Bundesliga.

Ich habe nach dem 1:1 in Nürnberg auch gesagt, dass ich nicht zufrieden war. Dass wir nicht hervorragend spielen, sagt ja auch die Tabelle.

Auch die Fans haben ihren Unmut gezeigt. Fürchten Sie, dass der Zusammenhalt bröckelt?

Wenn die Fans richtig gegen dich wären, dann käme eine Wucht auf dich zu, mit der keine Mannschaft wirklich gut umgehen könnte. Ich glaube weiterhin an die Bereitschaft unserer Fans, uns ihre Unterstützung zu geben. Aber ich habe Verständnis für ihre Enttäuschung. Wenn du so spielst wie wir in Nürnberg, dann ist niemand zufrieden. Aber eins muss uns allen klar sein: Wir schaffen es nur gemeinsam.

Warum spielt die Mannschaft so? Ist es eine Kopfsache oder auch eine Frage der Qualität?

Eher Kopfsache. Die Spieler müssen wissen, was da unten gefragt ist. Leidenschaft, Wille, Teamgeist. Das haben sie in Nürnberg nicht gezeigt, aber in anderen Spielen.

Wie wird in knapp einem Jahr aus einem Vizemeister ein Abstiegskandidat?

Vor vielen Jahren ist Nürnberg Meister geworden und dann abgestiegen. Das war eine ganz andere Zeit, aber da ist es auch passiert. Wenn du denkst, mit einem Zehntel Prozent weniger das erreichen zu können, was du vorher erreicht hast, dann geht es nicht.

Ist die Mannschaft falsch zusammengestellt?

Was vorher richtig oder falsch gemacht wurde, ist im Moment nicht wichtig. Jetzt haben wir die Aufgabe, im Abstiegskampf zu bestehen. Und ich bin zuversichtlich, dass es uns gelingt. Aber die Antwort müssen die Spieler geben.

Sie haben Erfahrung mit dem Abstiegskampf mit Stuttgart oder dem HSV. Worauf kommt es an?

Wir versuchen, die Köpfe frei zu kriegen. Das Beste dafür sind natürlich Erfolgserlebnisse. Du brauchst Disziplin und Absprachen, es geht um die Mannschaft. Die Spieler sitzen in einer solch negativen Situation in ihrer Kapsel und kommen da nicht raus. Sie machen Sachen, die sie gut finden, aber die vielleicht nicht gut sind. Da raus zu kommen, ist ein Prozess. Ich denke, dass die Mannschaft es jetzt verstanden hat. Ich sehe die richtigen Signale.

Sie haben immer gesagt, neben Disziplin ist auch Spaß notwendig. Wie bringt man den in einer solchen Lage zurück?

Die Werkzeuge, die man benutzen kann, liegen auf dem Boden. Man muss sie nur aufheben.

Zum Beispiel?

In Stuttgart habe ich nach einem Sieg gemerkt, dass im Training nicht alle richtig dabei waren. Da hieß es: Der Rasen ist nicht bewässert und so weiter. Ich habe sie zusammengerufen und gesagt: Ihr seid verwöhnte Affen. In den Niederlanden ist so was eine ganz normaler Aussage.

In Deutschland eher nicht. Die Spieler waren nicht begeistert.

Wir haben das nächste Spiel nach einem Rückstand gewonnen, vier Spieler haben auf dem Platz einen Affentanz gemacht. Das fand ich super. Daraufhin habe ich dem Zeugwart gesagt: Hol ein Affenkostüm in deiner Größe!

Wozu?

Am nächsten Morgen habe ich die Vier zusammen an einen Tisch gesetzt. Der Zeugwart kam tanzend als Affe rein und hat allen eine Banane hingelegt. Das nächste Spiel haben wir wieder gewonnen. Spaß gehört dazu. Ich versuche auch hier, Spaß zu vermitteln.

Haben Sie schon ein Kostüm bestellt?

Nein, aber vielleicht kommt es noch.

Reichen in diesem Jahr 30 Punkte zum Klassenerhalt?

Ich habe letzte Woche gesagt: Wenn du noch zwei Spiele gewinnst, bist du durch. Wir haben gegen Nürnberg nicht gewonnen, ich weiß nicht, ob ein Sieg reicht. Ich will es eigentlich nicht auf das letzte Spiel gegen Stuttgart ankommen lassen.

Was wäre, wenn Schalke absteigen würde?

Es wäre ein Drama. Puh, dann würde sich hier viel verändern. Darum sage ich: Wenn jetzt noch nicht jedem bewusst ist, um was es geht, dann verstehe ich die Welt nicht mehr.

Was würde es für Sie bedeuten?

Für mich wäre es eine große Enttäuschung. Weil es das erste Mal wäre, dass ich absteige. Aber daran denke ich nicht. Das Risiko kannte ich, das habe ich in Kauf genommen, um dem Verein zu helfen. Ich würde es wieder tun. Du lässt nicht die Leute und den Verein im Stich, bei denen du so viel Liebe gefunden hast.

Ihr nächster Gegner Hoffenheim ist der Verein, bei dem Sie vor drei Jahren in Rente gegangen sind.

Ja, eigentlich war der Knurrer nicht mehr da.

Mit Ihrem Abschied begann die Karriere von Julian Nagelsmann. Was zeichnet ihn als Trainer aus?

Ich finde, dass er in einem sehr jungen Alter gut mit den Spannungen und dem Druck umgeht. Er verfolgt seinen eigenen Weg. Er ist auf eine positive Art und Weise vom Fußball besessen.

In dieser Saison gibt es extrem viele Trainerwechsel. Niko Kovac beklagt: Wir Trainer kriegen alles ab. Ist der Druck gewachsen?

Es ist vielleicht nicht alles schwieriger geworden, aber anders. Allein durch Social Media prasselt so viel auf einen ein, das kann ein Mensch alleine nicht schaffen. Man muss die Aufgaben und die Verantwortung auf mehrere Schultern verteilen. Deshalb kann der Trainer auch nicht allein für Erfolge oder Misserfolge verantwortlich sein. Aber am Ende ist er doch das schwächste Glied.

Wie haben sich die Spieler verändert? Sind sie heute mehr Ich-AG als Teamplayer?

Das ist nicht nur im Fußball so, sondern in vielen Bereichen. Es gibt viel mehr Egoismus als früher. Früher haben wir auf der Straße Fußball gespielt, und die Eltern saßen draußen zusammen und haben ein Bier getrunken, es gab viel mehr Kontakt untereinander. Heute sagst du deinen Nachbarn gerade mal Guten Tag. Aber es ist nicht fair, den jungen Leuten vorzuwerfen, dass sie sich egoistisch verhalten. Denn wir haben diese Welt mitgestaltet und tragen deshalb Verantwortung dafür. Alle ziehen sich zurück. Für einen Trainer ist es daher schwieriger geworden, Spieler für eine gemeinsame Aufgabe zusammenzubringen.

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