Christian Neureuther hat in seiner Karriere nicht einmal eine Medaille gewonnen. Überraschend auch für ihn erhält er trotzdem die Goldene Sportpyramide für sein Lebenswerk.
Als der Anruf kam, glaubte Neureuther erst an einen Streich, "ich habe spontan gedacht: Wo ist die verstecke Kamera." Es dauerte ein wenig, bis er begriff, dass es dem Überbringer der überraschenden Botschaft ernst war: Er, der in seiner Karriere als Ski-Rennläufer nie eine Medaille gewonnen hat, wird von der Stiftung Deutsche Sporthilfe am Mittwoch in Berlin für sein Lebenswerk mit der Goldenen Sportpyramide geehrt.
"Ich war schon sprachlos, dass ich überhaupt in der Auswahl war", gesteht Neureuther, "dass dann einer gewinnt, der keine Medaille hat, ist schon eine mutige Entscheidung". Sportlich gesehen steht Christian Neureuther ja sogar familienintern nur an dritter Stelle: Hinter seiner Frau Rosi Mittermaier, der "Gold-Rosi", die 1976 bei Olympia in Innsbruck zweimal Gold und einmal Silber gewann; und hinter Sohn Felix, mittlerweile mit vier WM-Medaillen dekoriert.
"Naja", sagt Christian Neureuther, "ehrlich gesagt, ist das manchmal schon eine Belastung, dass ich keine Medaille gewonnen habe". Für einen Sportler "ist das der größte Makel", für ihn bedeutet das: Er ist dann nur "der Mann von der Rosi", die er voller Glückseligkeit als "das Wichtigste und Wertvollste" bezeichnet, das "mir der Sport gegeben hat". Oder er ist nur "der Vater vom Felix". Das, gibt er zu, "ist nicht so einfach".
Neureuther: "Wir dürfen den Sport nicht kaputt machen"
Es ist nicht einfach - und vor allem: Es wird Christian Neureuther nicht gerecht. Der 67-Jährige ist ein Kämpfer. Mit Leidenschaft, mit Herzblut engagiert er sich für all das Gute, für das der Sport steht, für die "Werte, die mal da waren", und dass er "waren" sagt, sagen muss, bereitet ihm beinahe körperliche Schmerzen. "Wir dürfen", fleht er, "den Sport nicht kaputt machen". Zugleich dämmert ihm: "Vielleicht haben wir ihn schon kaputt gemacht."
Neureuther kämpft gegen dieses "Vielleicht", gegen die Egomanen, die in Vereinen oder Verbänden das Sagen haben. Das Wichtigste aber, sagt er, sei doch, "dass wir bei den Kindern die Freude an der Bewegung schaffen", alles andere komme danach von ganz alleine: "Im Sport lernst Du die Regeln des Lebens kennen, du lernst Zusammenhalt, Fairness, Toleranz, aber auch, Ziele zu setzen und zu kämpfen. Es gibt keine bessere Schule als den Sport."
Was den ehemaligen Skifahrer beinahe verzweifeln lässt, sind viele derer, die im Sport von oben herab die Richtung vorgeben - ohne Bezug zur Basis, ohne Verständnis auch für Spitzensportler, "ohne Herzblut für den Sport". Er klingt frustriert, wenn er feststellt, dass der Sport durch seine Skandale mittlerweile auch ein Spiegel für all das Schlechte ist, das auf dieser Welt zu finden ist, "und im Sport vielleicht noch extremer als anderswo"
Ein Mann ohne Medaillen, aber mit Werten
Christian Neureuther kämpft gegen Windmühlen, das weiß er, "ich bin ja nicht naiv", aber: Er gibt nicht auf. "Ich bin ein Steher", sagt er. Es ist und bleibt ihm daher zuvorderst eine Herzensangelegenheit, die Menschen zum Sport zu bringen, sei es, indem er weiter Nordic Walking pusht oder seinen Sohn Felix bei dessen Initiative für Schulkinder unterstützt. Sein neues Thema ist: Demenz. Denn, hat er recherchiert, "zu 65 Prozent hängt unsere geistige Gesundheit damit zusammen, dass wir uns viel bewegen".
Im Hause Mittermaier-Neureuther steht übrigens schon eine Sportpyramide - als einzige Trophäe, die für Besucher sichtbar ist. Rosi Mittermaier erhielt sie 2001. Sie hat, nach einigem Zögern, bei der diesjährigen Wahl für ihren Mann gestimmt. Und ist nun stolz, dass sie damit nicht die einzige war. Dass ihr Mann keine Medaille gewonnen hat? Nicht so wichtig! "Eine Medaille", sagt sie, "ist doch kein Kriterium für einen Menschen, der Werte hat".