Die Divisional Round der NFL Playoffs hatte es in sich. Viel Spektakel war garantiert und Josh Allen bleibt sein zweifelhaftes Image in den Playoffs treu. Die Seahawks scheinen nicht zu stoppen zu sein und zwei junge Quarterbacks haben lange Offseasons vor sich.
sport.de-Redakteur Marcus Blumberg nennt an jedem Montag seine Erkenntnisse der NFL-Woche.
Es ist nicht Allens Schuld - aber eigentlich schon
Die Buffalo Bills hatten nach dem Verpassen der Playoffs der Chiefs, Ravens und selbst Bengals - allesamt bestückt mit Star-Quarterbacks - den Weg zum Super Bowl auf dem Silbertablett. Trotz zahlreicher Verletzungen, allen voran in ihrem ohnehin dünn besetzten Receiving Corps, doch ist Josh Allen bekanntlich Superman und kann das kompensieren.
Am Samstag nun ist das passiert, was eben immer passiert im Januar: die Bills haben trotz Josh Allen auswärts in der Divisional Round - er ist dort nun 0-7 auf fremdem Platz - verloren und die Allen-Apologeten und -Verteidiger standen sofort Gewehr bei Fuß, ob nun im amerikanischen TV, in den schreibenden Medien oder eben auf Social Media. Und vorweg: nein, es ist mir völlig egal, ob das nun ein Catch oder eine Interception war bei der Aktion von Brandin Cooks in der Denver-Red-Zone, denn wer weiß das heutzutage schon mit diesen Zebras, die scheinbar frei Schnauze entscheiden, wie das zu werten ist. (Fürs Protokoll: Für mich war es eher ein Catch!)
Unterm Strich nämlich haben die Bills fünf Turnovers fabriziert und vier davon gehen auf die Kappe von Josh Allen. Er verlor völlig ohne Not vor der Pause den Ball, weil er ihn bei seinem Scramble wie eine heiße Kartoffel getragen hat, wider besseren Wissens.
Seine erste Interception ging klar auf ihn, weil er offenkundig nicht mit dem freien Safety in Cover 6 gerechnet hat, der freie Bahn hatte vor der Endzone. Und beim Strip-Sack von Nik Bonitto ebenfalls im dritten Viertel war es zumindest mal zu erwarten, dass Slot-Receiver Khalil Shakir mit seinem Chip-Versuch gegen den Star-Edge-Rusher nicht unbedingt viel Erfolg haben würde. Da hätte man den Ball womöglich schneller loswerden können.
In jedem Fall waren es vier Turnovers vom Superstar in einem Spiel, das die Bills auf dem Papier hätten gewinnen können, vielleicht sogar müssen. Und sie hatten eben kurz vor Ende der regulären Spielzeit auch noch die Chance auf den Sieg. Von der Denver-32 hatte Allen Dawson Knox auf einer Corner Route weit offen und überwarf ihn. Das wäre Sekunden vor Schluss beim Stand von 27:30 auf Buffalos Sicht die Entscheidung gewesen.
Bills hatten noch Glück in der Overtime
Man begnügte sich dann mit einem Field Goal und verlor in der Overtime, obwohl die Defense früh einen Punt der Broncos erzwang und die Bills den Ball ohnehin als zweites bekamen, was in der Regel ein riesiger Vorteil ist. Zudem hatten die Bills noch viel Glück, dass die Schiedsrichter früh im Drive, der tief in der eigenen Hälfte begann, ein klares Holding gegen einen D-Liner der Broncos in der eigenen Endzone übersehen haben. Das wäre ein Walkoff-Safety gewesen! Doch wollten die Schiedsrichter wohl nicht diejenigen sein, die das Spiel entscheiden ... jedenfalls dann noch nicht. Wenig später waren sie entspannter mit dieser Last - Stichwort: Pass Interference. Also die erste der beiden, die nicht wirklich hätte geahndet werden müssen.
Was bleibt jetzt von diesem Spiel und dieser Saison? In erster Linie die bittere Erkenntnis, dass es die Bills auch ohne die hohen Hürden Mahomes, Burrow oder Jackson - er und die Playoffs sind eine eigene Geschichte - wieder nicht geschafft haben, nach 1993 endlich wieder den Super Bowl zu erreichen. Erneut wird man sich nun die Frage stellen, ob die Organisation genug getan hat, um Allen unter die Arme zu greifen. War das Receiving Corps gut genug? Die O-Line? Die Defense? Das Play-Calling? In-Game-Management? Oder waren es am Ende einfach die Zebras mit der Interception?
In diesem Fall aber muss man wohl konstatieren, dass Allen einfach Recht hat, wenn er sagt, dass diese Niederlage auf seine Kappe geht. "Es ist extrem schwierig. Ich habe das Gefühl, dass ich heute Abend meine Teamkollegen im Stich gelassen habe", sagte der Quarterback nach dem Spiel. Das klingt hart, entspricht aber wohl der Wahrheit. Und solange er nicht doch noch das große Ding gewinnt - ein John Elway verlor sogar drei Super Bowls, bevor er am Ende seiner großen Karriere noch zwei gewann, möglich ist das also -, wird er das Stigma des Playoff-Versagers wohl nicht mehr los. Dieses Mal vielleicht sogar zu recht.
Seahawks im Schongang
Entspannt dürften die Anhänger der Seattle Seahawks vor dem Divisional Game ihres Teams am Samstagabend gegen die San Francisco 49ers nicht unbedingt gewesen sein. Die Bauchmuskelverletzung von Sam Darnold vom Donnerstag machte Sorgen. Die Tatsache, dass er seither nicht trainiert hatte und Backup Drew Lock die Frist-Team-Reps in der Zwischenzeit bekam, war sicherlich auch kein angenehmer Gedanke. Und Stunden vorm Spiel warf dann auch noch Nummer 3, Rookie Jalen Milroe, beim Aufwärmen auf die Backups, von Darnold keine Spur.
Am Ende jedoch spielte der Quarterback doch und von seiner Bankrotterklärung ein Jahr zuvor in den Playoffs mit den Vikings war keine Spur mehr. Er war zwar überhaupt nicht gefordert, machte aber auch keine Fehler und spielte sehr effizient. +0,27 EPA/Dropback ist ordentlich. Die Tatsache, dass er nur für 124 Yards (TD) warf, ist aber das Bemerkenswerte an diesem Spiel, zeigt es doch, wie dominant die Seahawks wirklich waren. Bevor Darnold überhaupt unter Beweis stellen konnte, dass die Muskulatur hält, lagen die Seahawks schon vorne. Rashid Shaheed hatte schon den Kickoff über 95 Yards in die Endzone getragen. Nach nicht mal einem Viertel stand es 17:0 und die Messe war gelesen.
Zwar sahen wir schon einige verrückte Comebacks, gerade in dieser Saison, aber die 49ers erweckten nie den Eindruck, dass sie dazu gegen diesen Gegner in der Lage gewesen wären. Das Beste, was ihnen in ihren besten Drives gelang, waren zwei Field Goals, eines davon sogar aus 56 Yards. Vielmehr zeigte sich einmal mehr, wie explosiv und durchschlagskräftig das Run Game der Seahawks nach durchwachsener Saison auf dem Boden wieder ist. Kenneth Walker allein lief für 116 Yards und drei Touchdowns. Die Offensive Line dominierte das Spiel genauso wie die Defensive Line auf der anderen Seite des Balls. Und wer die Line of Scrimmage kontrolliert, gewinnt in aller Regel dieses Spiel.
Die Seahawks wirkten vor allem nicht so, als ständen sie irgendwie unter Druck. Das kann natürlich am dezimierten Gegner liegen, aber wer heutzutage ein Playoff-Spiel mit einer Run-Quote von 63,5 Prozent und darüber hinaus mit einer defensiven Pressure Rate von 63,16 Prozent (!) laut "SumerSports" bei einer Blitz Rate von nur 10,53 Prozent gewinnt, der ist vielleicht einfach nicht zu stoppen.
Will sagen: Seahawks-Fans sollten sich für den 8. Februar - und den Tag danach - besser nicht viel vornehmen.
Stroud wirft viele Fragen auf
C.J. Stroud war der Offensive Rookie of the Year im Jahr 2023, nachdem er im Draft zuvor der zweite Pick hinter Bryce Young war. Alle waren sich nach besagter erster Saison der beiden einig, dass die Panthers daneben lagen und lieber Stroud hätten ziehen sollen, schließlich führte der sein Team in die Playoffs. Und das nun sogar dreimal in Folge!
Was danach jedoch folgte, lässt zumindest mal Zweifel an der damaligen Einschätzung aufkommen. Denn die größte Herausforderung für einen jungen Quarterback ist es nicht, schon von Anfang an richtig gut zu sein, sondern sich eben stetig zu verbessern. Idealerweise sieht man im Laufe der Jahre eine klare Entwicklung. Bei Stroud, so ehrlich muss man sein, sucht man diese bislang vergebens.
Oder wie es "ESPN"-Experte und Hall-of-Fame-Quarterback Troy Aikman noch während des aus Texans-Sicht enttäuschenden 16:28 gegen die Patriots im Divisional Game formulierte: "C.J. Stroud jagt seit zwei Jahren seinem Erfolg aus der Rookie-Saison hinterher. Er ist nicht mehr derselbe Spieler. Wir haben keine Weiterentwicklung bei ihm gesehen. Dafür gibt es einen Grund - und dem muss man nachgehen."
Den Ursachen kann ich jetzt nicht auf den Grund gehen, doch waren Strouds Leistungen in diesen Playoffs eine Bankrotterklärung. Strouds ist der erste Quarterback der Playoff-Geschichte, der in einer Postseason jeweils mindestens fünf Interceptions und fünf Fumbles fabriziert hat. Vier dieser Interceptions warf er gegen New England und drei davon waren sicherlich in erster Linie seine Fehler - eine war ein Drop eines Receivers. Bei all dem Gerede über die herausragende Defense der Texans kam offenkundig das Szenario zu kurz, dass womöglich die eigene Offense aber ein so großes Problem sein könnte, dass selbst Will Anderson und Co. das nicht kompensieren könnten.
Texans-Defense zeigt überragende Leistung
Doch genau der Fall trat am Sonntag ein. Anderson spielte allüberragend und hatte drei der fünf Sacks gegen Drake Maye, die anderen beiden sammelte sein Gegenüber Danielle Hunter. Und man zwang Maye eben zu vier Fumbles, von denen er zwei sogar verlor. Die Texans hielten darüber hinaus das Run Game New Englands bei nur 3,3 Yards pro Carry. Eigentlich hätte das reichen müssen, um die Überraschung in Foxboro zu schaffen. Eigentlich, doch die Patriots-Defense hatte andere Pläne und Stroud spielte ihnen in die Karten.
Sicher kann man nun aufzählen, wer da alles fehlte. Top-Target Nico Collins fiel aus, Right Tackle Trent Brown ebenso. Im Spiel verletzten sich unter anderem noch Ersatz-Right-Tackle Tytus Howard und der so wichtige Tight End Dalton Schultz. Doch erklärt das Strouds teils wirklich planlose Würfe nicht.
Unterm Strich gingen Strouds Leistungen seit der Rookie-Saison tatsächlich stetig bergab. Von damals 26 Touchdowns (inklusive Playoffs) ging es runter auf nur noch 20 in dieser Spielzeit. Sein "Big Time Throws" gingen von einst 26 als Rookie und 27 als Sophomore auf nur noch 18 in dieser Saison zurück. Und sein Passer Rating ist auch fast zehn Punkte schlechter als zu seinen Anfängen. Immerhin hat er seine Sack-Zahlen von 63 aus dem Vorjahr auf 38 drastisch reduziert.
Aber die klare Leistungssteigerung, die bei guten Quarterbacks in den ersten paar Jahren zu erkennen sein sollte, blieb eben aus. Die Leistung gegen New England war dann so etwas wie der bisherige Tiefpunkt und das zur Unzeit.
Wie geht es mit Stroud weiter?
In wenigen Monaten steht die Frage an, ob die Texans die 5th-Year Option in Strouds Vertrag ziehen sollten. Mit 26,5 Millionen Dollar ist sie für Quarterback-Verhältnisse noch relativ günstig, sodass dies weiterhin wahrscheinlich erscheint. Doch dabei werden es die Texans wahrscheinlich auch erstmal belassen. Schwer vorstellbar, dass sie schon in diesem Jahr dazu bereit sind, ihre Zukunft an den so wechselhaften Quarterback zu binden. Denn ab diesem Jahr dürfte er theoretisch eine Vertragsverlängerung unterschreiben. Orientiert man sich am derzeitigen Markt für junge Quarterbacks an seinem Punkt der Karriere, dann reden wir hier von Beträgen, die im Schnitt bei 55 Millionen Dollar pro Jahr anfangen. Nach diesem Auftritt scheint das aber derzeit unvorstellbar zu sein.
Die Texans täten vielmehr gut daran, die Option zu ziehen und dann erstmal auf Zeit zu spielen. Stroud hat derzeit genau gar keine Argumente auf seiner Seite, das kurzfristig zu ändern. Vielmehr sollte er die Option als eine Möglichkeit sehen, sich neu zu beweisen. Und die Texans? Die sollten zumindest mal überlegen, ob man nicht vielleicht doch ein wenig mehr Konkurrenz ins Haus holen sollte - Davis Mills mag der brauchbare Backup sein, der mit etwas Chaos durchaus für Spektakel sorgen kann. Doch eine echte Alternative ist er nicht.
Und solange dem so ist, müssen sich die Texans fragen, ob nicht mehr drin wäre für sie und ihre Defense. Aber dafür darf nicht der eigene Quarterback im Weg stehen, besonders nicht im Januar.
Williams lässt Bears einen Moment lang träumen
"The Catch 2.0"? "Windy City Miracle"? Irgendein anderer cooler Titel, der mir zu später Stunde beim Schreiben dieser Zeilen nicht mehr einfallen mag? Wir hätten wirklich diskutieren müssen, wie wir diesen Wahnsinns-Touchdown-Pass von Caleb Williams auf Cole Kmet in den Schlusssekunden der regulären Spielzeit im Spiel gegen die Rams hätten nennen können, denn er wäre in die Geschichte eingegangen als eines der besten, spektakulärsten - geilsten? - Plays der Playoff-Geschichte. Doch was folgte, machte diesen grandiosen Moment zur Randnotiz.
Denn eigentlich lief ja alles für die Bears. Ihnen gelang am Ende trotz mehrerer verbockter 4th Downs noch der Ausgleich und in der Overtime gewann man den Münzwurf und kickte zuerst, sodass die eigene Offense auf jeden Fall das letzte Wort hätte. Die Defense hielt, die Rams mussten punten. Und auch danach bewegten die Bears den Ball gut und meisterten sogar ein 4th Down, womit sie zuvor so ihre Probleme hatten. Doch dann warf Williams seine dritte Interception im Spiel auf Kam Curl und kurz darauf war das Spiel vorbei.
War Soldier Field bis dahin ein Tollhaus, herrschte anschließend Stimmung wie "auf dem Chicagoer Zentralfriedhof", wie ein gewisser Bundesliga-Manager einst so treffend formulierte. Ein Missverständnis führte zum Pick, denn Williams rechnete augenscheinlich damit, dass D.J. Moore seine Route nicht mitten im Prozess einfach abbricht und stehen bleibt, anschließend dann auch nur teilnahmslos zuschaute. Doch so ist das manchmal in diesem Mannschaftssport. Wenn nicht alle auf einer Wellenlänge funken, passieren Fehler.
Williams hatte bis zu diesem folgenschweren Wurf so ziemlich alles im Griff und der TD-Pass auf Kmet war völlig verrückt und vermittelte den Eindruck, dass dies der Abend der Bears sein würde. Wenn das schon funktioniert, was soll denn dann noch passieren?!
Williams wirft drei Interceptions
Na ja, ein weiterer Turnover, wie sich herausstellte. Williams spielte zwar spektakulär und bestätigte damit zeitweilig die kühnsten Erwartungen an ihn in der Windy City. Doch machte er eben auch zahlreiche Fehler und warf drei Interceptions, die sein Team um einige Punkte brachten. Er selbst hatte aber natürlich auch großen Anteil daran, dass die Bears überhaupt bis zum Ende im Spiel waren.
Schaut man sich jetzt mal die gesamte Saison an, dann war bei Williams unter Ben Johnson durchaus eine klare Leistungssteigerung zu sehen. Speziell, wenn man sieht, wie er sich nun in der Pocket bewegt und wie er Sacks drastisch reduzierte. Waren es als Rookie noch 68, stehen jetzt nur noch 25 zu Buche. Eine enorme Verbesserung. Fehler, die zu Turnovers führen können, sind aber weiterhin ein konstanter Teil seines Spiels. Und er hat es sogar geschafft, seine niedrige Completion Percentage von 62,5 Prozent auf nur noch 57,5 Prozent zu senken. Das Ziel von Johnson vor der Saison waren mehr 70 Prozent!
Unterm Strich trennte die Bears aber wohl nur ein guter Pass mehr vom ersten NFC Championship Game seit der Saison 2010. Wenn sie nun die richtigen Schlüsse ziehen, haben sie mit diesem Quarterback sicherlich die Chance, diese Sphären in Zukunft öfter zu erreichen.







