John Harbaugh ist der neue Head Coach der New York Giants in der NFL. Damit fällt das erste Domino im diesjährigen Trainerkarussell und lässt einige Schlüsse zu, was die Motivation des Ex-Ravens-Coaches betrifft, aber auch, wie die anderen Interessenten zu bewerten sind.
Wir haben in diesem Jahr neun offene Head-Coach-Stellen und das sind schon jetzt die meisten seit 2022, als es sogar zehn Jobs zu vergeben gab - acht neue Coaches von damals sind im Übrigen schon wieder entlassen. Die New York Giants haben den ersten dieser Jobs nun mit dem größten Namen auf dem Markt gefüllt.
Jene Giants, die in den vergangenen zwei Jahren ganze sieben Spiele gewonnen haben. Was genau machte sie also attraktiver für Harbaugh als etwa die Tennessee Titans und Atlanta Falcons? Ist es der Kader? Mit Abdul Carter, Brian Burns, Dexter Lawrence und Malik Nabers hat man sicherlich schon auf beiden Seiten des Balls Eckpfeiler für das Team der Zukunft, zudem lässt sich diskutieren, ob Jaxson Dart womöglich der neue Franchise-Quarterback ist. Jedenfalls dann, wenn er nicht in zwei Jahren Sportinvalide ist, falls er seine Spielweise nicht ändert.
Und dann wäre da noch das generelle Ansehen der Giants-Organisation, die mit John Mara und Steve Tisch zwei stabile Teameigner haben, die für Tradition und Seriosität stehen. Doch die Tatsache, dass Joe Schon immer noch der General Manager ist, hätte sicherlich den einen oder anderen Coach-Kandidaten abgeschreckt. Allerdings suggerieren übereinstimmende Medienberichte, dass Harbaugh direkt an die Owner berichten wird und nicht an den GM. Zudem ist es denkbar, dass er die Kaderverantwortung zugesichert bekommen hat.
| Team | offene Stelle(n) |
|---|---|
| Arizona Cardinals | Head Coach gesucht |
| Atlanta Falcons | Head Coach & GM gesucht |
| Baltimore Ravens | Head Coach gesucht |
| Cleveland Browns | Head Coach gesucht |
| Las Vegas Raiders | Head Coach gesucht |
| Miami Dolphins | Jon-Eric Sullivan als GM verpflichtet, HC gesucht |
| New York Giants | John Harbaugh |
| Pittsburgh Steelers | Head Coach gesucht |
| Tennessee Titans | Head Coach gesucht |
Tradition spricht für die Giants
Harbaugh zeigt mit diesem Schritt aber in jedem Fall, dass er motiviert ist, eine zuletzt in sportlicher Schieflage - und das kann man über die Giants seit Super Bowl XLVI behaupten - befindliche Traditions-Franchise wieder nach oben zu führen.
Diesen Traditionsaspekt - die Giants haben seit Mitte der 80er die meisten Super Bowls in der NFC gewonnen! - können natürlich weder die Titans noch die Falcons vorweisen. Was die Kader der anderen beiden kolportierten Finalisten angeht, kann man aber durchaus argumentieren, dass beide womöglich bessere Voraussetzungen geboten hätten.
Die Falcons haben mit Drake London, Bijan Robinson und den neuen Pass-Rushern sowie einer starken Offensive Line ein sehr solides Gerüst stehen. Zudem könnte Michael Penix Jr. der Franchise-QB sein, obgleich man das durchaus bezweifeln kann. Aber: dank der überaggressiven Draft-"Strategie" des Vorjahres hat man keinen Erstrundenpick im kommenden Draft und nur überschaubar viel Cap Space (rund 22 Millionen Dollar). Die Giants haben noch weniger (keine 5 Mio.), dafür aber den fünften Pick insgesamt im Draft.
Bei den Falcons, mit denen Harbaugh bereits am Montag virtuell gesprochen hat, kommt jedoch noch die große Ungewissheit der Organisation dazu. Keiner weiß, was genau die Aufgabe von Matt Ryan als President of Football Operation sein soll oder in welcher Weise er helfen kann und ein GM fehlt auch noch - Letzteres wäre natürlich ein Plus, weil Harbaugh dann seinen Mann installieren hätte können. Und Owner Arthur Blank ist sicherlich ein netter Mann, aber hat er mit seinem letzten Regime und Coaching-Hire gezeigt, dass Business basierend auf Vibes wohl keine sonderlich gute Strategie ist.
Und dann wären da noch die Titans, die Harbaugh am Donnerstag treffen wollte. Sie verfügen Stand jetzt über 95 Millionen Dollar an Cap Space - Rang 2 der NFL - und halten den vierten Pick im Draft. Zudem haben sie mit Cam Ward den Quarterback der Zukunft offenbar schon gefunden. Und mit General Manager Mike Borgonzi einen respektierten GM. Der restliche Kader ist abgesehen von All-Pro-Defensive-Tackle Jeffery Simmons zwar äußerst ausbaufähig, doch hätte Harbaugh hier wohl die beste Möglichkeit, von Grund auf neu aufzubauen und sein eigenes Team zu formen.

Besitzerin als Red Flag für Titans?
Was also spricht dagegen? Ganz eindeutig Besitzerin Amy Adams Strunk, die seit der Übernahme von ihrem verstorbenen Vater Bud Adams gezeigt hat, warum das Motto: "You can't fire Owners" durchaus ein Problem sein kann. Sie hat mit wenigen Maßnahmen ein Franchise, das auf ziemlich hohem Niveau unterwegs war, vor ein paar Jahren komplett vor die Wand gefahren und man ist immer noch dabei, die Trümmer aufzusammeln.
Die Entscheidung, den besten Spieler des Teams, A.J. Brown, zu traden anstatt ihn zu bezahlen, hat im Jahr 2022 eine Kettenreaktion ausgelöst, die bis heute zwei General Managern und zwei Coaches - darunter Mike Vrabel, der womöglich Coach of the Year 2025 wird - den Kopf gekostet. Und wer weiß, wie stabil die aktuelle sportliche Leitung im Sattel sitzt, wenn sich auch 2026 nicht sofort Erfolg einstellt.
Am Ende wollte Harbaugh wohl dieses Drama nicht. New York wird sein eigenes Drama mit sich bringen, speziell wenn man an die örtlichen Medien denkt, doch letztlich dürften hier am Ende die Owner den Ausschlag gegeben haben. Sie machen keine verrückten Sachen und genießen hohes Ansehen in der Branche. Zudem gibt es keine großen Unbekannten in der Führungsstruktur mit Ausnahme von Schoen, der aber ohnehin auf dünnem Eis steht.
Ob Harbaugh allein reichen wird, die Giants sportlich wieder in die Spur zu führen, wird sich zeigen. Mehr Seriosität und Ruhe wird er dem Team aber sicherlich bringen. Und das wäre ein guter Anfang.






