Die Divisional Round der NFL Playoffs verspricht hochklassige Duelle über das gesamte Wochenende. Aus der Coaching-Perspektive ist aber wohl kein Matchup so interessant wie das zwischen den Coaching-Genies Sean McVay und Ben Johnson in Chicago.
Beide sind gerade mal 39 Jahre alt, was selbst in der heutigen Zeit noch extrem jung ist für einen Head Coach in der NFL, auch wenn der Trend generell gerade zu eher jüngeren Coaches geht. Während Sean McVay aber schon neun Jahre am Ruder der Los Angeles Rams sitzt, zwei Super Bowls erreicht und einen gewonnen hat, ist dies die erste Saison für Ben Johnson als Head Coach.
Beide stehen sie für moderne, progressive Offenses, die den Unterschied für ihre Teams machen. Und während sie beide damit erfolgreich sind, haben sie doch grundlegend unterschiedliche Philosophien, obgleich es durchaus auch klare Parallen zwischen beiden gibt.
Die größte Gemeinsamkeit ist dabei nicht mal schematisch bedingt, sondern lässt sich auf einen bestimmen Quarterback herunterbrechen - eigentlich sogar zwei! Denn beide hatten sie in der Vergangenheit Erfolg mit Jared Goff. Goff war McVays erster Quarterback in Los Angeles und erreichte mit ihm in seiner zweiten Saison bereits den Super Bowl. Zum großen Wurf hat es damals nicht gereicht, sodass die Rams 2021 mit ihrem spektakulären Trade für Matthew Stafford all-in gegangen sind, um postwendend den Super Bowl zu gewinnen.
Goff kein Problem für Johnson
Während McVay irgendwann beschloss, dass es mit seinem Ansatz, seinem Scheme nicht reicht, mit Goff das gelobte Land zu erreichen, schien dies für Johnson jedoch kein allzu großes Hindernis zu sein. Er nahm sich ab 2022 als Offensive Coordinator und Play Caller der Sache an und kreierte eben mit Goff eine der explosivsten und gefürchtetsten Offenses der NFL. Und davor arbeitete er zumindest mal peripher zwei Jahre in anderer Rolle mit Stafford zusammen.
Schaut man sich nun beide Offenses an, die in der Nacht zum Montag (0:30 Uhr live bei RTL) sicher im Mittelpunkt stehen werden, fällt auf, dass die der Rams auf dem Papier effizienter ist. Die Rams stellen das effizienteste Passspiel, liegen im Run Game auf Rang 5 und lassen die zweitniedrigste Pressure Rate zu. Die Bears liegen in Pass-Effizienz auf Rang 9, sind aber die 4 im Run Game und belegen Rang 7 bei der Pressure Rate.
Grob gesagt: beide Units sind gut, gehen die Dinge aber unterschiedlich an.
McVays Offense basiert grundlegend auf der West Coast Offense von Bill Walsh. Es geht hier in erster Linie darum, den Ball schnell an die Receiver zu verteilen, die allesamt idealerweise im Rhythmus mit dem Quarterback agieren. Alles ist irgendwie choreografiert und Timing spielt eine entscheidende Rolle. McVay allerdings hat das seit Staffords Ankunft etwas angepasst, sodass der QB den Ball nicht mehr ganz so schnell loswerden muss, da Stafford eben das Leder von Haus aus eher etwas länger hält, um das Feld zu scannen.
Unabhängig vom QB gehört zu McVays Scheme aber auch ein Outside-Zone-Run-System, das besonders in den Condensed Formations, die etwa auch die 49ers und Seahawks, die ebenfalls eine Variante dieser Shanahan-Offense spielen, gerne verwenden, gut zur Geltung kommt. Das Geheimnis ist, dass die Wide Receiver in 11-Personnel engagiert mitblocken. Alles sieht also beim Snap im Grunde immer gleich aus, sodass der Gegner einfach nicht weiß, was kommt.
| Rams | Bears | |
| Pass-Effizienz (EPA/Pass) | +0,19 | +0,02 |
| Run-Effizienz (EPA/Rush) | +0,01 | +0,03 |
| Yards pro Spiel | 394,6 | 369,5 |
| Punkte pro Spiel | 30,7 | 26,2 |
McVay setzt mehr auf Tight Ends
Ein Trend dieser Saison ist es bei den Rams zudem, dass sie viel mit 13-Personnel arbeiten, und zwar weitaus mehr als jedes andere Team. Doch auch mit diesen Formationen mit drei Tight Ends laufen sie nicht nur, sie ziehen auch darüber ein gefährliches Passspiel auf, weil diese Tight Ends eben allesamt auch mindestens passable Receiver sind. Besonders gefährlich wird McVays Ansatz dadurch, dass er zum einen gerne auf Bunch-Formations jetzt, die den primären Receiver im jeweiligen Play verschleiern. Und, dass man sehr viel auf Pre-Snap Motion und Play Action setzt, was gegnerische Defenses zusätzlich verwirrt.
Johnson wiederum basiert sein System mehr auf den Quarterback und dessen individuelle Stärken. Zudem kann man sicherlich davon reden, dass dies grundlegend eine erweiterte Form der Erhardt-Perkins-Offense aus den 70ern ist. Jene basierte darauf, dass Spieler nicht das ganze Playbook kennen mussten, sondern eben nur gewisse Parts. Die Play-Elemente waren im Grunde heruntergebrochen auf jeweils zwei komplementäre Route-Kombinationen pro Seite. Da kann etwa eine Go- und eine Dig-Route von zwei Receivern gelaufen werden oder einer der Outside-Receiver läuft eine Corner- und der Tight End eine Out-Route etc. All das konnte dann je nach Situation beliebig miteinander kombiniert werden.
Allerdings wurde dieses System irgendwann als zu trivial und berechenbar betrachtet und daher kaum noch verwendet. Mit Johnsons hat es zumindest in Teilen ein Comeback erlebt. Viel wichtiger als das ist jedoch der Quarterback, dessen Stärken ein wichtiger Faktor sind. Als er noch Goff in Detroit trainierte, ging viel über Play Action und schnelle Pässe. Mit Caleb Williams nun nutzt Johnson gerne dessen Athletik aus, setzt also neben PA viel auf Bootlegs, um ihm die Möglichkeit zu geben, entweder selbst zu laufen oder eben den Ball etwas länger zu halten, damit Defenses noch mehr unter Druck zu setzen und schließlich aus der Bewegung heraus "off Platform" zu werfen - so gesehen bei manch einem Highlight-Wurf gegen Green Bay.

Johnson und McVay: Verwirrung ist der Punkt
Auch Johnson legt sehr viel Wert auf Motion vor dem Snap. Und das nicht nur, um Verwirrung zu stiften, sondern vielmehr auch, um numerische Vorteile im Run Game zu erzeugen. Unabhängig vom Personnel - auch bei den Bears müssen Wide Receiver hin und wieder blocken! - laufen die Bears konsequent in Situationen, in denen sie trivial formuliert Überzahl im Blocking haben. Das hört sich einfach an, weil das der Weg ist, den jede Offense im Run Game an sich gehen sollte. Doch bei Johnson ist dies ein intentionaler Akt, denn mit seinen teils verzögerten multiplen Motions vor dem Snap bringt er seine Offense immer wieder in forcierte Überzahl.
Das kann so aussehen, dass ein Receiver per Motion die Seite wechselt und damit die Defense zwingt, Anpassungen vorzunehmen, also etwa die Linebacker oder einen Safety zu verschieben. Während die Defense dann denkt, die mögliche Überzahl wieder ausgeglichen zu haben, kommt dann der zweite Motion Man, der vielleicht die Seite wechselt, ehe dann schnell der Snap erfolgt. Und entweder ist dann die Überzahl da entstanden, wo der zweite - gerne ein Tight End - hingewandert ist. Oder man läuft dann trotz Blockern in die andere Richtung über die Weak Side, in der man quasi heimlich Überzahl erzeugt hat, weil man den vermeintlich zusätzlichen Verteidiger durch die Manöver rübergezogen hat.
Auch hier ist Verwirrung des Gegners der Punkt. Und dadurch entstehen teils klaffende Lücken zum Laufen. Oder man zwingt einen Safety dazu, früh anzubeißen bei Play Action, sodass dann plötzlich ein Receiver Downfield offen ist, der dann durch die Luft schaden anrichtet.
Beide Teams werden sich im Divisional Game womöglich einen epischen Schlagabtausch liefern und ein Offensivfeuerwerk abfackeln. Und beide Seiten haben eben den Vorteil, dass ihr jeweiliger Coach all das durchschauen könnte, da sie beide dafür bekannt sind, den Gegner bis ins kleinste Details zu studieren. Football wird gerne als Schachspiel bezeichnet. Dieses Spiel könnte 3D-Schach zwischen Johnson und McVay werden. Ein Spiel, über das wir noch lange reden könnten und vielleicht sogar der Anbeginn einer langen Rivalität in der NFC sein könnte.











