Tyson Fury und Oleksandr Usyk boxen am Samstag in Riad um die Krone im Schwergewicht. Der deutsche Box-Hoffnungsträger Agit Kabayel kämpft um das Recht, den künftigen König herauszufordern. Im Rahmenprogramm trifft der "Junge aus dem Pott" auf einen versierten Kubaner. Box-Experte Bernd Bönte rät Kabayel, den Vorwärtsgang einzulegen, sein Trainer mahnt zur Vorsicht.
Zwischen Agit Kabayel und einem Kampf um den prestigeträchtigen WBC-Gürtel im Schwergewicht steht nur noch Frank Sanchez. Der Kubaner belegt in der Rangliste des Verbandes vor Kabayel Rang zwei.
Am Samstagabend (live auf DAZN) machen die Schwergewichte in einem "Final Eliminator" aus, wer in naher Zukunft den WBC-Weltmeister herausfordern darf. Und dieser wird Tyson Fury oder Oleksandr Usyk heißen, schließlich kämpfen die rivalisierenden Champions im Hauptereignis der saudischen Faustkampf-Show um alle Titel von Rang und Namen.
Frank Sanchez ist wie Kabayel in 24 Profikämpfen ungeschlagen, gilt als einer der technisch besten Schwergewichtler, als begnadeter Konterboxer. Kabayel hingegen eilt der Ruf des druckvollen Offensiv-Fighters voraus – der marschiert. Feine kubanische Boxschule trifft Ruhrpott-Mentalität.
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"Ich denke, das Sanchez-Team wird uns richtig gut studiert haben", blickt Kabayels Trainer Sükrü Aksu im Interview mit ntv.de und sport.de auf den Kampf. "Die wollen uns ausboxen. Wenn man sie machen lässt, sind die Kubaner im Boxen wie die Brasilianer im Fußball – die können alles. Aber eines mögen sie nicht: Druck und Körpertreffer", lässt der Coach den Schlachtplan seines Boxers anklingen.
Boxen: Heimsieg veränderte Agit Kabayels Boxerleben
Sanchez kann aus einem reichen Erfahrungsschatz schöpfen, bestritt als Amateur 220 Kämpfe. Kabayel kam erst mit 18, 19 Jahren zum klassischen Faustkampf, war davor im Kickboxen aktiv. Vielleicht wurde der Mann aus Wattenscheid deshalb lange unterschätzt. Denn in der (erweiterten) Weltspitze mischt Kabayel schon seit Jahren mit.
Ende 2017 bezwang der Preiskämpfer aus dem Revier den einstigen Klitschko-Herausforderer Dereck Chisora in Monte Carlo nach Punkten, zwei Jahre später schloss Kabayel als erster deutscher Boxprofi einen Deal mit Promoter-Legende Bob Arum und dem amerikanischen TV-Giganten "ESPN". Ein Kampf gegen Fury schien in Reichweite. Dann funkte Corona dazwischen. Aufbaukämpfe vor Geisterkulisse statt großer Bühne.
Im März 2023 gelang Kabayel ein spektakuläres Comeback. In seiner Heimat Bochum bezwang er den schlagstarken Kroaten Agron Smakici in der dritten Runde durch Technischen K.o., krönte sich zum Europameister. Eine Runde zuvor hatte es noch nach Pleite gerochen: Kabayel hing nach einem Trommelfeuer schwer angeschlagen in den Seilen, wurde angezählt. Aber er erhob sich - und schlug erbarmungslos zurück. "Diese zwei Runden haben Agits Leben verändert", betont Aksu. Bei einer Niederlage wäre Kabayels Karriere vorbei gewesen.
Agit Kabayel walzte riesigen Russen platt
Stattdessen nahm der Deutsche den Schwung mit und boxte sich kurz vor Weihnachten ins internationale Rampenlicht. In Riad überrollte der 1,91-Mann im Vorprogramm der Superstars Anthony Joshua und Deontay Wilder den riesigen Zwei-Meter-Russen Arslanbek Mahkmudov. Vier Runden brauchte Kabayel, um den Riesen zu fällen. Eine ziemliche Überraschung, ein "Upset", wie es im Boxen heißt.
"Kabayel muss gegen Sanchez in der gleichen Verfassung sein und mit dem gleichen Mindset agieren, wie gegen Makhmudov", sagt Box-Experte Bernd Bönte im Gespräch mit sport.de. Der Kubaner sei boxerisch allerdings ein anderes Kaliber. "Der hat alles drauf, hat alles gesehen, ist beweglich und von den Schlagkombinationen einer, der alles mitbringt", hebt der langjährige Manager der Klitschkos die Stärken des 31-Jährigen hervor.
Kabayel müsse in Saudi-Arabien tun, was ihn auszeichnet: kontrollierte Offensive. "Kubanische Boxer mögen es überhaupt nicht, wenn man sie unter Druck setzt", stimmt Bönte der Einschätzung von Trainer Aksu zu: "Man darf sie nicht agieren lassen, sie in ihren Rhythmus kommen lassen. Und ganz wichtig: Agit muss zum Körper schlagen. Ich denke, das wird der Plan sein."
Das Duell mit Sanchez sei ein "klassischer Fifty-Fifty-Fight", so der Box-Manager. "Aber Agit hat sich gegen stärkere Gegner immer gesteigert und mit Sükrü Aksu zudem einen Super-Coach in seiner Ecke, der ihn schon im letzten Kampf extrem gut eingestellt hat – technisch und auch taktisch. Hinten raus kann er den Kampf nach Punkten gewinnen, wenn die Kondition stimmt."
Gegner hat eine Mexiko-Connection
Der Trainer klingt vorsichtig, man könnte auch sagen: dem Box-Business entsprechend realistisch. Team Kabayel gehe in Saudi-Arabien "mit 0:2 in ein Champions-League-Spiel", ordnet Aksu die Ausgangslage ein. Hintergrund: Sanchez' Trainer ist der mexikanische Starcoach Eddy Reynoso, der keinen Geringeren als Box-Krösus Canelo Alvarez betreut. Der Reynoso/Canelo-Draht zum in Mexiko beheimateten WBC mit seinem Präsidenten Mauricio Sulaiman ist kurz – und heiß.
"Volle Pulle drauf", nach vorne marschieren und unbedingt den K.o. suchen, könne Kabayel trotzdem nicht, mahnt Aksu. "Wir müssen von Runde zu Runde schauen, was macht der andere und dann aufbauen."
Einen Fehler dürfe sich der 31-Jährige aus dem Ruhrpott auf keinen Fall erlauben. "Wenn man vor Sanchez stehen bleibt, ist es vorbei. Der kann hauen, der kann boxen, mehrere Hände, schnelle Kombinationen. Das ist schon ein Weltklasse-Mann", sagt Aksu. Diesen Anspruch erhebt gleichwohl auch Kabayel. Siegt er am Samstag, wird ein anderes Wort relevant: Weltmeisterschaft.
Martin Armbruster

