Mit Tatjana Maria (36 Jahre/Rang 55 der Weltrangliste) und Laura Siegemund (35 Jahre/Rang 84 der Weltrangliste) stellt das deutsche Tennis aktuell die beiden ältesten Athletinnen unter den Top 100 des WTA-Rankings. Einzig andere deutsche Vertreterin und damit zugleich das Top-100-"Küken" des Verbands ist Tamara Korpatsch auf Rang 81, die mit 28 Jahren allerdings ebenfalls keine ganz große Wette auf die Zukunft mehr ist. Ein Umstand, der gnadenlos untermauert, was längst kein Geheimnis mehr ist: Das deutsche Frauen-Tennis hat ein Nachwuchsproblem - dabei scheint es an Talenten eigentlich nicht zu mangeln.
Als die dreimalige Grand-Slam-Siegerin Angelique Kerber im Sommer klarstellte, dass sie nach ihrer Babypause 2024 auf die WTA-Tour zurückkehren wird, flammten bei den deutschen Tennis-Fans endlich wieder zarte Hoffnungen auf echte Sternstunden, ja vielleicht sogar Siege bei großen oder zumindest größeren Turnieren auf. Dass die ehemalige Nummer eins mit beinahe 36 Lenzen die größte Hoffnungsträgerin der einstigen Tennis-Nation Deutschland ist, lässt allerdings erschreckend tief blicken.
Zwar verfügt der DTB gerade bei den Frauen durchaus über einige Spielerinnen, denen man den Sprung in die Weltspitze zutrauen darf, größere Sprünge bleiben allerdings seit Monaten aus.
Schaut man sich die Tennis-Talente an, die sich schon vor ihrem 20. Geburtstag in den Top 1000 der Tennis-Welt tummeln, ist der DTB immerhin sechsmal vertreten. Mit der 15-jährigen Julia Stusek (Rang 916 der Weltrangliste) stellt man sogar die viertjüngste Spielerin.
Erfolge nur abseits der absoluten Tennis-Elite
Zur Wahrheit gehört allerdings auch, dass mit Argentinien, Australien, Kanada, China, Tschechien, Frankreich, Großbritannien, Japan, Russland und den USA gleich zehn Nationen teils deutlich mehr Talente unter den besten 1000 Spielerinnen des Rankings aufweisen und - vermeintlich ebenso rätselhaft wie bitter - dass das Gros der deutschen Nachwuchsspielerinnen zu stagnieren scheint.
Noma Noha Akugue (19 Jahre/Rang 175 der Weltrangliste), die derzeit bestplatzierte deutsche Tennis-Teenagerin gilt beispielweise seit dem Gewinn der Deutschen Meisterschaften 2020 als kommende deutsche Topspielerin, ins Hauptfeld eines Grand-Slam-Turniers schaffte es die Hamburgerin bislang allerdings noch nie. 2023 erreichte sie in Hamburg zwar erstmals das Finale eines WTA-Turniers, auf den Weg ins Endspiel musste Noha Akugue allerdings lediglich eine Spielerin aus den Top 100 ausschalten, zuletzt setzte es zudem wieder vermehrt Pleiten gegen Spielerinnen, die im Ranking weit hinter der Deutschen liegen.
Stark präsentierte sich in den vergangenen Monaten hingegen die 18-jährige Ella Seidel (Rang 192 der Weltrangliste), die 2023 bereits drei ITF-Turniere gewinnen konnte und zudem das ein oder andere Halbfinale oder sogar Finale erreichte. Dass Seidel im Vergleich zum Vorjahr einen riesigen Sprung im WTA-Ranking gemacht hat, lässt sich nicht von der Hand weisen - selbiges gilt allerdings für den Umstand, dass die Ausbeute auf WTA-Ebene bislang zu denken gibt: 2023 stand Seidel nur in Hamburg im Hauptfeld, und das aufgrund einer Wildcard. Einen Sieg konnte sie nicht verzeichnen.
Boris Becker legt den Finger in die Wunde
Mit ihren überschaubaren Erfahrungen auf der Elite-Tour haben Noha Akugue und Seidel den weiteren DTB-Talenten unter den besten 1000 immerhin noch etwas voraus. Carolina Kuhl (18 Jahre/Rang 482 der Weltrangliste), Joelle Steur (19 Jahre/Rang 664 der Weltrangliste), Stusek (15 Jahre/Rang 916 der Weltrangliste) und Marie Vogt (18 Jahre/Rang 998 der Weltrangliste) durften noch nie bei einem WTA-Event Luft auf der ganz großen Bühne schnuppern.
Angesichts des jungen Alters ist natürlich noch bei allen aufgeführten Spielerinnen ein enormer Sprung möglich, wirklich zuversichtlich stimmt aktuell allerdings nur Stusek, die bei ihren wohldosierten Turnierteilnahmen ihre meist deutlich älteren Gegnerinnen nicht selten überrascht.
Selbst wenn in den kommenden Jahren einige Spielerinnen den Sprung in die Weltspitze meistern, lässt sich ein grundsätzliches Nachwuchsproblem im deutschen Tennis aber nicht verhehlen. "Wir haben nicht den Nachwuchs, den wir uns wünschen", legte zuletzt auch die deutsche Tennis-Legende Boris Becker im "Eurosport"-Podcast "Das Gelbe vom Ball" den Finger in die Wunde. "Es sind ernüchternde Fakten. Das ist die Realität", so Becker.
Marc Affeldt





