Der Einstand von Julian Nagelsmann als Bundestrainer ist geglückt. Doch der 3:1-Sieg der deutschen Nationalmannschaft gegen die USA hat auch gezeigt, dass bis zur EM 2024 noch reichlich Arbeit anliegt. Das sind die Lehren aus dem Test-Erfolg.
Die Hoffnung ist zurück bei der Nationalmannschaft. Acht Monate vor Beginn der Heim-EM hat die deutsche Auswahl im ersten Spiel unter Julian Nagelsmann einen deutlichen Entwicklungsschritt vollzogen.
Nur vier Trainingstage reichten dem früheren Coach des FC Bayern, um eine neue Grundordnung zu etablieren. Zudem wirkte eine mit 29 Jahren im Schnitt sehr routinierte Mannschaft selbst nach Rückstand mental gefestigt.
Will man im kommenden Sommer wirklich um den Titel mitspielen, müssen allerdings noch Dinge optimiert werden.
Wackelige Konterabsicherung im DFB-Team
Gerade in der ersten Halbzeit funktionierte das neue Defensivkonzept nicht auf Anhieb. Nagelsmann verordnete seiner Mannschaft ein intensives Angriffspressing, das auf der vordersten Linie Mann-gegen-Mann geführt wurde.
Dahinter waren jedoch wiederholt die Abstände zu groß. In der Abwehrkette fehlte teilweise das Tempo, um aus der hohen Positionierung Konter zu verteidigen. Und auch die Abstimmung zwischen den einzelnen Akteuren hakte noch.
Die Folge: Wenn die US-Amerikaner mit Geschwindigkeit die erste Pressing-Linie überspielten, ergaben sich anfangs regelmäßig gefährliche Momente im Umschaltspiel.
Nach der Pause wirkte die Raumaufteilung verbessert und durch mehr Ruhe im eigenen Ballbesitz bekamen die USA weniger Gelegenheiten zum Kontern.
Steigerungsbedarf identifizierte Nagelsmann mit Blick auf die Abwehr dennoch. "Individuell im Verteidigen haben wir nicht alles richtig gemacht. Das ist auch normal in der Zeit. Da müssen wir schon noch zulegen", mahnte er.
Deutsche Problemzone Außenverteidiger
Schon unter Hansi Flick gehörte die Besetzung der defensiven Außenbahnen zu den Dauerthemen. Dieses Problem hat Nagelsmann geerbt. Seine Antwort auf den Mangel an Weltklasse-Spielern kennt man bereits aus Bayern-Tagen.
Mit Jonathan Tah, Mats Hummels und Antonio Rüdiger bot der Bundestrainer drei Innenverteidiger auf. Die Viererkette wurde mit Ball dann zur Dreierreihe, weil Linksverteidiger Robin Gosens vorrückte, Tah aber auf der rechten Seite hinten blieb.
Die asymmetrische Ordnung muss sichtlich noch geprobt werden. Eigentlich schreit der taktisch anspruchsvolle Ansatz mit Blick auf die EM nach einer frühzeitigen Festlegung der Stammbesetzung, damit die Automatismen bis dahin greifen.
Mehr dazu:
Eine klare Absprache dahingehend scheint es laut Hummels aber nicht zu geben. "Ein gewisses Einspielen ist sicherlich wichtig. Aber ich würde jetzt nicht darauf beharren, dass das unsere Formation ist", stellte der BVB-Routinier am RTL-Mikrofon klar.
Hoffnungsträger suchen ihre Rolle
Mit Jamal Musiala und Florian Wirtz in der Startelf bot das USA-Spiel einen Vorgeschmack, wie der deutsche Fußball im kommenden Jahrzehnt personell aussehen könnte.
Für Nagelsmann eine Option, die Zukunft haben könnte. "Ich habe vor ein paar Monaten mal gelesen, dass die beiden nicht zusammen spielen können, aber ich finde es eine sehr gute Idee", betonte der Coach. Teil der Wahrheit ist aber auch, dass der leichtfüßige Musiala gegen die USA deutlich mehr Glanz versprühte als der im DFB-Trikot noch immer leicht gehemmt wirkende Wirtz.
Die Diskrepanzen zwischen Vereinsform und Leistungen im DFB-Dress begleiten etliche Hoffnungsträger im Nationalteam. Neben Wirtz sucht Julian Brandt ebenfalls seine optimale Rolle im Team. Bei Kai Havertz, unter Flick meist im Sturmzentrum aufgestellt, stellt sich ebenfalls die Positionsfrage.
All die hochveranlagten Akteure zum Glänzen zu bringen, wird eine Hauptaufgabe für Nagelsmann in der EM-Vorbereitung.
Selbstverständnis und Spielkontrolle fehlen noch
Die Mentalität in der Mannschaft scheint nach dem Trainerwechsel zurück zu sein. Anders als unter Flick ließ sich die DFB-Elf diesmal von einem Rückstand nicht aus der Ruhe bringen.
Dennoch fehlte es zeitweise an Ruhe und Spielkontrolle. Von den USA ließ sich die deutschen Auswahl gerade zu Beginn einen wilden Schlagabtausch aufzwingen.
Der Bundestrainer forderte deshalb mehr Abgeklärtheit von seinen Schützlingen ein. "Ich hatte das Gefühl in der ersten Halbzeit, dass wir zu früh das Spiel entscheiden wollen. Wir haben versucht, fast jede Situation mit sehr viel Risiko zu Ende zu spielen. Dann hatten wir zu viele Ballverluste", kritisierte Nagelsmann.
Durch Umstellungen zur Pause riss das DFB-Team die Partie später immer mehr an sich. Ein neues Selbstverständnis muss aber erst mit der Zeit reifen.
Jonas Hofmann












