Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg arbeitet mit den DFB-Frauen akribisch am perfekten WM-Start gegen Marokko - doch nach dem EM-Hype spürt sie auch den Druck.
Selbst einer aufdringlichen australischen Elster begegnet Martina Voss-Tecklenburg kurz vor dem WM-Start überaus freundlich. "Möchtest Du zuhören?", fragt die Fußball-Bundestrainerin, als sich der freche Vogel mitten im Interview neben ihr auf der Bank niederlässt. Die 55-Jährige wirkt vor dem Auftakt der Titelmission gegen Marokko am Montag (10.30 Uhr MESZ/ZDF) äußerst fokussiert, aber keinesfalls verbissen.
"Ein Powerstart tut gut, der würde uns helfen", sagt Voss-Tecklenburg beim Blick auf den nahenden Startschuss der Titeljagd Down Under, die gleich mit Personalproblemen beginnt. Sie weiß: Der Druck, die Erwartungshaltung ist dank des EM-Sommermärchens gestiegen. "Dem stellen wir uns", betont "MVT" forsch.
Einerseits sei es "schön, dass wir in dieser Situation sind, weil wir gute Leistungen gebracht haben". Die Kehrseite der Medaille: "Natürlich ist es immer auch so, wenn du vermeintlich etwas zu verlieren hast, dass das auch was mit dir macht."
Aus diesem Grund suchen die DFB-Frauen im abgeschiedenen Wyong die Balance zwischen akribischer Trainingsarbeit und auflockernder Ablenkung. Für gute Laune ist jedenfalls gesorgt: Ob durch den Ausflug in ein Wohngebiet voller Kängurus - Fütterung inklusive. Oder das Christmas-in-July-Dinner mit Nikolausmützen am Freitagabend.
Bei aller Lockerheit sollen "Leidenschaft, Intensität, Bereitschaft" den zweimaligen Weltmeister wie bei der EURO Richtung Finale tragen. Marina Hegering (Fersenprellung) aber wird den Auftakt voraussichtlich verpassen, die Abwehrchefin hat am Freitag erst das Lauftraining aufgenommen. Die am Oberschenkel verletzte Lena Oberdorf aber werde "mit Sicherheit" fit für das zweite Spiel gegen Kolumbien (30. Juli), den härtesten Brocken der Gruppe.
Voss-Tecklenburg warnt vor WM-Debütant Marokko
Doch zunächst liegt der Fokus voll auf Marokko, WM-Debütant und Nummer 72 der Weltrangliste. Tiefensicherung, bei der verpatzten Generalprobe gegen Sambia (2:3) das große Manko, stand dieser Tage weit oben auf der Trainingsagenda. "Denn Marokko wird viele lange Bälle spielen", sagt Voss-Tecklenburg und setzt auf eine Defensivlust wie im Vorsommer.
"Diese Bereitschaft, dieses wahnsinnige Umschalten nach hinten - wir wissen, dass das ein Schlüssel war", meint die Bundestrainerin und verweist hoffnungsvoll auf das geheime Trainingsspiel gegen eine männliche U15 des lokalen Teams Central Coast Mariners: "Die haben schnell umgeschaltet. Das war echt super, wie wir da die Bereitschaft hatten, das zu verteidigen."
Und vorne soll bestenfalls Alexandra Popp wieder die Tore machen. Im Training sucht die Kapitänin aktuell noch ihren Killerinstinkt, doch das beunruhigt die Chefin nicht: "Was Poppi angeht, sind wir sehr entspannt. Die hebt sich die Tore bestimmt auf..."
Spätestens zu Wochenbeginn in Melbourne darf gerne der Knoten platzen. Den Underdog aus Marokko erwartet Voss-Tecklenburg als defensives Bollwerk. "Unsere Erwartungshaltung ist, dass wir gut den Ball laufen lassen, dass wir den Gegner gut in Bewegung bringen", forderte die Bundestrainerin: "Wir wollen viel Wucht entwickeln."
Die gestiegene Aufmerksamkeit in Fußball-Deutschland, befeuert von der tiefen Krise der DFB-Männer, soll dabei nicht lähmen, sondern Rückenwind verleihen. "Das heißt nicht, dass wir perfekt Fußball spielen", schränkt Voss-Tecklenburg vorsichtig ein, aber sie ist überzeugt: "Wenn ich diese Spielerinnen sehe, wenn ich ihre Persönlichkeiten sehe, wenn ich ihre Motivation, ihre Bereitschaft sehe, dann werden wir zumindest alles geben, was in uns steckt".









