Der Blick auf die Weltrangliste der Frauen dürfte den Bossen des DTB, mit 1,4 Millionen Mitgliedern immerhin der größte Tennis-Verband der Welt, die ein oder andere Sorgenfalte auf die Stirn zaubern. Dass vom Glanz früherer Tage wenig geblieben ist, lässt sich nicht verhehlen. Um das deutsche Frauen-Tennis ist allerdings es besser bestellt, als man denken könnte.
Andrea Petkovic verabschiedete sich unter Tränen unlängst zumindest von der großen Tennis-Bühne, Sabine Lisicki ist nach jahrelangen Verletzungsproblemen meilenweit davon entfernt, im Konzert der Großen mitzumischen und Angelique Kerber, seit Jahren das Aushängeschild des deutschen Frauen-Tennis, erwartet mit 34 Jahren erstmals Nachwuchs.
Sieht man von der einstigen Nummer eins Kerber (aktuell die Nummer 50 der Welt) ab, tummelt sich unter den Top 100 nur noch Wimbledon-Halbfinalistin Tatjana Maria, die mit inzwischen 35 Jahren ihren dritten Frühling auf der Tour erlebt.
Dahinter hinterlässt mit Jule Niemeier (23/Rang 108), derzeit einzige verbliebene Deutsche im Hauptfeld der US Open, Nastaja Schunk (19/Rang 166) und Eva Lys (20/Rang 171) allerdings ein vielversprechendes Trio immer tiefere Fußstapfen auf der Tour.
Gerade die Betrachtung der hinteren Regionen des Rankings zeigt zudem, der DTB verfügt über weitere Hoffnungsträgerinnen.
Nur drei Tennis-Nationen toppen den DTB
Filtert man die Weltrangliste nach Spielerinnen, die noch keine 21 Jahre alt sind, findet man unter den besten 200 Talenten gleich 13 DTB-Juniorinnen. Häufiger vertreten sind mit den USA (22 Nachwuchsspielerinnen), Russland (21) und Frankreich (16) lediglich drei absolute Tennis-Nationen.
Es ist allerdings nicht ausschließlich die schiere Anzahl, sondern vor allem das Abschneiden der vergangenen Monate, das Hoffnung macht.
Die 20-jährige Chantal Sauvant erreichte 2022 zum Beispiel bislang viermal das Finale bei einem ITF-Event, allein dreimal stand sie seit Juni in einem Endspiel, zweimal gewann die Rechtshänderin. In der Weltrangliste steigerte sich Sauvant 2022 damit schon um mehr als 400 Ränge. Derzeit belegt sie Platz 619.
Ebenfalls vier Endspiele erreichte das wohl größte Talent des DTB: Noma Noha Akugue. Die Deutsche Überraschungsmeisterin von 2020 findet sich mit 18 Jahren immer besser auf der Tour zurecht, gewann 2022 zwar nur ein Turnier, startet allerdings schon bei recht hoch kategorisierten Veranstaltungen und bezwang einige Gegnerinnen, die deutlich vor ihr (Platz 404) platziert sind.
Die Richtung stimmt, Geduld ist gefragt
Nicht weiter hinter Noha Akague folgen mit Luisa Meyer auf der Heide (20 Jahr/Rang 431), Sina Herrmann (20/442), Julia Middendorf (19/480), Mina Hodzic (20/504), Alexandra Vecic (20/533), Mara Guth (19/606) sowie Ella Seidel (17/682) und Joelle Steur (18/691) weitere junge DTB-Vertreterinnen.
Besonders auffallend: Bei ihren bislang gerade mal fünf Turnierteilnahmen 2022 gewann Hodzic das W60-Turnier in Biarritz, wo sie mit Chloé Paquet aus Frankreich unter anderem die aktuelle 111 der Welt bezwang. Middendorf gewann seit Anfang August 13 von 16 Matches (Turniersieg in Erwitte), Steur kletterte in der Weltrangliste im Vergleich zum Vorjahr beinahe um 1000 Plätze und Meyer auf der Heide zeigt seit beinahe drei Monaten einen stetigen Aufwärtstrend (2 Finalteilnahmen).
Zur Wahrheit gehört zwar auch, dass Erfolge auf der ITF-Toru noch lange kein Garant für eine Weltkarriere sind, erste Schritte auf dem Weg in die Spitze des Frauentennis meistert der deutsche Nachwuchs aktuell dennoch durchaus eindrucksvoll.
Auch wenn die nächste deutsche Grand-Slam-Siegerin noch nicht wirklich lautstark mit den Füßen in der Asche scharrt, ist der Blick in die Zukunft bei Weitem nicht so düster, wie es auf den ersten Blick scheint.
Marc Affeldt






