Monoskifahrerin Anna-Lena Forster ist die größte deutsche Medaillenhoffnung für die Paralympics von Peking. Schon bei den Spielen von Pyeongchang holte sie vor vier Jahren zweimal Gold, im Januar diesen Jahres krönte sie sich gleich viermal zur Weltmeisterin. Im Interview spricht die 26-Jährige über Coronasorgen, ihre Ziele, die Nachfolge von "Golden Girl" Anna Schaffelhuber und Paralympische Spiele in China.
Frau Forster, am Freitag geht es nach langer Vorbereitung endlich los. Wie groß ist die Vorfreude auf ihre dritten Paralympischen Spiele?
Anna-Lena Forster: "Die wächst von Tag zu Tag. Besonders wenn man die Olympischen Spiele gesehen hat, ist man heiß drauf und möchte auch endlich loslegen."
Mit wie viel Sorge reisen Sie nach Peking? Gerade wenn Sie sich bei Olympia die Beispiele Eric Frenzel oder Nolan Seegert angucken, die mit einem positiven Test jäh aus ihren Träumen gerissen wurden...
"Auf jeden Fall mache ich mir darüber Gedanken. Das ist nochmal ein zusätzlicher Druck, den man nicht in der Hand hat. Man kann zwar seine Kontakte reduzieren. Aber das Beispiel Eric Frenzel zeigt, dass man sich doch irgendwie irgendwo anstecken kann. Deswegen bleibt immer die Ungewissheit, ob der PCR-Test negativ oder doch positiv ist. Das ist eine Unsicherheit, die einen bis zum Schluss begleitet."
Machen Sie sich Sorgen, dass durch die Einschränkungen das typische Flair der Spiele verloren geht?
"Ich stelle mich darauf ein, dass es ganz andere Spiele werden. Ich bin froh, dass ich sie schon anders erlebt habe. Von diesem Gefühl möchte ich jetzt etwas hineinnehmen und versuche so, in den Flow der Paralympics reinzukommen."
Welche Ziele haben Sie sich sportlich gesetzt?
"Im Vordergrund steht, dass ich meine Trainingsleistungen abrufen kann. Wenn ich das schaffe und zufrieden im Ziel ankomme, habe ich für mich schon viel erreicht. Nach den zwei Goldmedaillen in Pyeongchang und den letzten Jahren in der Weltspitze wäre mein großes Ziel natürlich, die Goldmedaillen zu bestätigen."
Bei der WM im Januar gab es vier Goldmedaillen. Hat sich ihre persönliche Erwartungshaltung dadurch verändert?
"Nein, gar nicht. Weil ich einfach nicht weiß, was die Konkurrentinnen gemacht haben, die bei der WM nicht dabei waren. In meiner Kategorie sind vor anderthalb Jahren noch drei richtig starke Chinesinnen dabei gewesen, die ich seit Pandemiebeginn nicht mehr gesehen habe. Dazu war die Japanerin, die sonst zu meinen größten Konkurrentinnen gehört, im Januar nicht dabei. Deshalb werden in Peking die Karten nochmal neu gemischt."
Vor vier Jahren in Pyeongchang hat China nur eine Medaille gewonnen. Wie sehen Sie die sportliche Entwicklung dort mit Blick auf Peking?
"Es ist wirklich krass. Wir hatten lange kein chinesisches Team im Alpin-Bereich. Seit dann klar war, wir gehen nach Peking zu den Spielen, wurde ein Team aus dem Boden gestampft. Die hatten am Anfang ein Team von 20 Athleten, das hat sich über die Jahre wieder verkleinert auf die, die wirklich was reißen können. Sie haben einen italienischen Trainer eingekauft und sind immer mit einem riesigen Betreuerteam unterwegs. Da wurde richtig etwas in Schwung gebracht. Ich bin gespannt, was passiert, wenn die Spiele vorbei sind. Ob es das Team danach noch geben wird oder ob es nur für die Paralympics aufgestellt und gefördert wurde und danach nichts mehr ist."
In Pyeongchang standen Anna Schaffelhuber und Andrea Eskau noch sehr im Blickpunkt. Die sind jetzt beide nicht dabei. Für viele sind Sie damit das Gesicht der deutschen Mannschaft geworden. Verändert sich in der Rolle als Leaderin etwas für Sie?
"In der Herangehensweise gar nicht. Ich bin die letzten beiden Spiele ganz gut damit gefahren, mich auf mich selbst zu konzentrieren und nicht zu sehr zu gucken, was die anderen machen. Einfach in den Flow der Paralympics reinkommen und genießen. Wenn ich die Lockerheit und den Spaß reinbringen kann, habe ich schon viel gewonnen. Es ist natürlich eine andere Situation, über die auch ich mir Gedanken gemacht habe. Aber im Endeffekt muss ich bei mir bleiben und einfach zeigen, was ich kann."
Anna Schaffelhuber traut Ihnen fünf Goldmedaillen zu. Halten Sie das selbst auch für möglich?
"Das finde ich total schwierig zu sagen, weil ich nicht weiß, wie die Konkurrenz drauf ist. Wenn ich so fahre, wie ich fahren kann, ist auf jeden Fall einiges möglich. Davon bin ich überzeugt."
Haben Sie sich bei Anna Schaffelhuber vor den Spielen noch ein paar Tipps für die Rolle als neue 'Leaderin' geholt?
"Mir tut es immer ganz gut mit ihr zu quatschen. Ich bin in Pyeongchang schon ein bisschen aus ihrem Schatten getreten. Da habe ich schon gemerkt, wie sich die Aufmerksamkeit anfühlt. Aber das wird in Peking sicher nochmal etwas anderes sein."
Wie sehen Sie generell die Spiele in Peking? Es gab ja doch viel Kritik.
"Man macht sich Gedanken. Natürlich gibt es viele Athleten wie auch mich, die lieber woanders hinfahren würden, das ist ganz klar. Da muss auch noch in jeglicher Hinsicht diskutiert werden. Aber das muss ich abschalten und hintenanstellen, um mich auf meinen Sport zu konzentrieren."
Wie sehen Sie im Para Ski alpin in Deutschland die Nachwuchsarbeit? In Peking sind lediglich vier Athletinnen und zwei Athleten dabei. Machen Sie sich Sorgen?
"Definitiv. Da wurden ein paar Jahre verschlafen, gerade als ich in der Nationalmannschaft angefangen habe. Damals gab es teilweise gar kein Nachwuchsteam und quasi gar keine Förderung. Das spüren wir jetzt und sicher noch ein paar Jahre länger."
Sehen Sie in der Förderung den Hauptgrund für die Nachwuchssorgen? Hinken paralympische Athleten den olympischen da immer noch hinterher?
"Das genauer auszuführen, würde ausarten. Da ist generell noch was zu tun. Es gab jahrelang kein System, wie man Nachwuchs fördern kann. Vor zwei, drei Jahren wurde vom Verband erst eine Nachwuchstrainerin eingestellt. Bis davon was nachkommt, dauert es natürlich. Das kann man auf die Schnelle nicht aufholen. Aber wir sind auf dem richtigen Weg. Generell muss man gucken, wie man mehr Nachwuchs generiert. Nur mit mehr Nachwuchs kann man auch für den Weltcup aussortieren. Es fehlt an der Masse."