Nach einem Zwischenhoch vor der Winterpause ist Eintracht Frankfurt zurück auf dem Boden der Tatsachen. Vor dem schweren Heimspiel gegen den FC Bayern (Samstag ab 18:30 Uhr im LIVE-Ticker) herrscht am Main Krisenstimmung, zu schwach waren die letzten Auftritte des Teams von Trainer Oliver Glasner. Doch warum ist die SGE überhaupt aus dem Tritt geraten? Vier Gründe für den Negativ-Trend:
Als Eintracht Frankfurt am vergangenen Samstag beim 1. FC Köln gerade das vierte von sechs Rückrunden-Spielen verloren hatte, ließ Coach Oliver Glasner seinem Frust so freien Lauf, dass es bis weit vor die Kabine zu hören war. Und das war offenbar erst der Anfang.
Auf die Frage, ob er zum ersten Mal richtig stinkig auf seine Mannschaft sei, antwortete der Österreicher mit gequältem Lächeln: "Sie haben eine gute Menschenkenntnis." Und dann fügte er an: "Die Jungs haben schon ein bisschen was gehört von mir. Und sie werden sicher noch ein bisschen was hören."
Glasner kündigte seinen Schützlingen eine harte Woche an. Verständlich. Denn nach vier Punkten aus sechs Spielen im Jahr 2022 droht die Eintracht, die erneute Europacup-Qualifikation leichtfertig zu verspielen.
Viele Fans der Adler fragen sich nun, wie es zu diesem dramatischen Formverlust kommen konnte. Vier Gründe drängen sich auf:
Eintracht Frankfurt im Tief: Die Zweikampfquote stimmt nicht
Beim jüngsten 0:1 gegen den 1. FC Köln wirkte die SGE seltsam uninspiriert. "Wir waren nette Gäste", stellte Glasner anschließend fest: "Wir haben wieder nur etwas mehr als 40 Prozent der Zweikämpfe gewonnen. Ich glaube, wir haben die schlechteste Zweikampfquote der Liga."
Und tatsächlich: Ein Blick in die Statistik verrät, dass kein Verein eine schlechtere Quote in direkten Duellen aufweist als die Eintracht (46,87%). Und jetzt geht's ausgerechnet gegen den Spitzenreiter des Rankings, den FC Bayern München (52,73%).
Mehr dazu: Die Zweikampf-Tabelle der Bundesliga
Speziell im zentralen Mittelfeld der Frankfurter hakte es zuletzt gewaltig. Dabei verfügt der Kader in Sebastian Rode, Kristijan Jakic und Djibril Sow eigentlich über lauf- und kampfstarke Profis, die in der Lage wären, auch körperlich mal ein Zeichen zu setzen. Getan haben sie dies im neuen Kalenderjahr jedoch zu selten.
Immerhin scheinen die Spieler selbst den Ernst der Lage erkannt zu haben. "Wir müssen ehrlich sein: Für das, was wir erreichen wollen, war das in den vergangenen Wochen zu wenig", gestand Sow unter der Woche. Man müsse nun "die Schrauben anziehen und auch mal unangenehm uns selbst gegenüber sein".
Eintracht Frankfurt im Tief: Impulsgeber Kostic schleppt sich durch
André Silva weg, Daichi Kamada im Dauer-Tief - selten war Filip Kostic für die Eintracht-Offensive wichtiger als im Frühjahr 2022. Problem: Der Serbe schleppt sich seit dem Jahreswechsel durch, nachdem ihn erst das Corona-Virus und kurz darauf ein grippaler Infekt außer Gefecht gesetzt hatten.
Aktuell mangelt es dem Linksfuß an der nötigen Spritzigkeit, um seine berüchtigten Flankenläufe auf der Außenbahn zeigen zu können. Seit Anfang Dezember war Kostic nur an einem Tor direkt beteiligt.
"Wenn die Leistungsträger nicht in Topform sind, wird es für alle schwieriger", weiß Teamkollege Sow. Trainer Glasner nimmt Kostic derweil in Schutz. "Filip kann nicht bei hundert Prozent sein", betonte der 47-Jährige schon vor dem Köln-Spiel.
Allerdings kann sich der Übungsleiter kaum leisten, seinem Star mal eine Verschnaufpause zu gewähren. Dafür sind die personellen Alternativen im Kader zu rar.
Eintracht Frankfurt im Tief: Kein Torjäger in Sicht
Ohne André Silva weht im SGE-Angriff weiter nur ein laues Lüftchen. Seit dem 18. Spieltag warten die Anhänger mittlerweile auf ein Stürmertor.
Einzig der wuselige Rafael Borré weist eine ordentliche Ausbeute auf (sechs Tore, fünf Vorlagen), dem Kolumbianer fehlt jedoch ein physisch starker Partner im Zentrum.
Nominell hätte Oliver Glasner die eine oder andere Option für die Neunerposition, tatsächlich habe die übrigen Offensivkräfte aber nur selten (Goncalo Paciencia) oder noch gar nicht (Sam Lammers, Ragnar Ache) überzeugt. Erst im Sommer winkt Besserung, wenn Randal Kolo Muani vom FC Nantes an den Main wechselt.

Unterdessen kommen auch vom Flügel nur wenige Impulse, Milan-Leihgabe Jens Petter Hauge hat sich trotz toller Anlagen noch immer nicht an den Eintracht-Stil gewöhnt. Dahinter suchen Jesper Lindström und Daichi Kamada ihren Rhythmus.
Hoffnungen ruhten zuletzt auf Ansgar Knauff, der im Winter ebenfalls per Leihe aus Dortmund kam. In Köln ließ Glasner den Youngster gleichwohl zur Verwunderung vieler über 90 Minuten auf der Bank.
Eintracht Frankfurt im Tief: Wackel-Alarm bei Abwehr-Boss Hinteregger
Lange Zeit war Martin Hinteregger eine Konstante in der Frankfurter Defensive. Robust, kopfballstark und einsatzfreudig hielt er den Laden hinten dicht und tauchte obendrein auch häufig gefährlich im gegnerischen Sechzehner auf.
2022 ist der Österreicher jedoch nur noch ein Schatten vergangener Tage, zwischenzeitlich verlor er gar seinen Stammplatz. Fanliebling "Hinti" ist neuerdings mehr Risiko- als Erfolgsfaktor, beim 0:2 gegen den VfL Wolfsburg vor zwei Wochen war er für beide Gegentore verantwortlich.
Bislang hat Glasner keinen Weg gefunden, seinen Landsmann wieder in die Spur zu bringen. Die wiederkehrenden Gerüchte um einen Abschied von der Eintracht haben das Image des ohnehin nicht als pflegeleicht geltenden Profis zusätzlich angekratzt.
Und nun gastiert ausgerechnet der FC Bayern mit seinem Über-Stürmer Robert Lewandowski im Deutsche Bank Park. In früheren Duellen mit dem Rekordmeister hat Hinteregger durchaus schon Glanzlichter setzen können. Derzeit überwiegt aber die Angst, dass der Spitzenreiter den 29-Jährigen als Schwachstelle ausgemacht haben könnte.
Nach den jüngsten Eindrücken spricht jedenfalls wenig für einen Befreiungsschlag am Samstag - weder aus Vereins-, noch aus Hintereggers Sicht.
Heiko Lütkehus



























