Die ganz großen Transfers hat Hertha BSC in der vergangenen Sommerpause nicht getätigt. Immerhin 26 Millionen Euro wurden von den Berliner Verantwortlichen um den neuen Sport-Geschäftsführer Fredi Bobic dennoch in frische Kräfte investiert. Nach sechs Spieltagen fällt die Zwischenbilanz der Zugänge allerdings äußerst durchwachsen aus.
Als am vergangenen Samstag in Leipzig der Schlusspfiff ertönte, musste sich Fredi Bobic erst einmal sammeln. Die von ihm mitgestaltete Hertha-Mannschaft hatte soeben mit 0:6 (0:3) bei Vizemeister RB verloren und dabei jedwede Bundesliga-Qualitäten vermissen lassen.
Noch bitterer machte die jüngste Demütigung, dass sie bereits die zweite in der noch jungen Bundesliga-Saison 2021/2022 war. Schon am 3. Spieltag hatte die Alte Dame beim FC Bayern kein Land gesehen, damals verloren die Schützlinge von Coach Pál Dárdai "nur" 0:5 (0:2).
Fakt ist: Der zarte Aufwärtstrend der Hertha nach zwei Dreiern gegen die Aufsteiger VfL Bochum und Greuther Fürth ist wieder dahin, die Alarmstufe wieder von Gelb auf Rot gesprungen.
Im Umfeld wächst die Kritik, neben dem extrem angeschlagen wirkenden Dárdai gerät auch Bobic zunehmend ins Kreuzfeuer. Vom erhofften Spürnäschen des Ex-Profis, der sich bei Eintracht Frankfurt einen hervorragenden Ruf erarbeitet hat, ist bislang wenig zu sehen. Hat sich der Heilsbringer verpokert?
Wilder Transfer-Sommer in Berlin
Zur Wahrheit gehört, dass Bobic im Sommer keine freie Hand hatte. Der winkenden Millionen von Investor Lars Windhorst zum Trotz wurde ein sattes Transferplus angepeilt, schließlich war die Corona-Krise auch in der Hauptstadt zu spüren.
Letztlich reichten drei Verkäufe, um die Einnahmeseite zu regeln: Matheus Cunha (für 30 Millionen Euro zu Atlético Madrid), Jhon Córdoba (für ca. 20 Millionen Euro zu FK Krasnodar) und Luca Netz (für vier Millionen Euro zu Borussia Mönchengladbach) spülten zusammen rund 54 Millionen Euro in die Kassen. Hinzu kamen sieben (!) Leihen, die das Gehaltsbudget weiter entlasteten. So weit, so gut.
Knapp die Hälfte des Geldes durfte Bobic reinvestieren, um Hertha nach der Flop-Saison 2020/2021 wieder wettbewerbsfähig zu machen. Insgesamt acht Neue wurden bis zum Deadline Day dazugeholt - ihre Zwischenbilanz fällt jedoch durchwachsen aus.
Offensiv-Zugänge bisher Fremdkörper bei Hertha BSC
Während die Mittelfeldspieler Suat Serdar (kam für acht Millionen Euro vom FC Schalke) und Jurgen Ekkelenkamp (für drei Millionen Euro von Ajax Amsterdam geholt) durchaus vielversprechende Ansätze gezeigt haben, blieben die fünf neuen Mittel- und Außenstürmer weit hinter den Erwartungen zurück.
Sowohl Marco Richter als auch Ishak Belfodil wirken trotz massig Bundesliga-Erfahrung bisher wie Fremdkörper, auch der junge Franzose Myziane Maolida benötigt offenkundig noch Zeit. Bei Stevan Jovetic machten Wadenprobleme den guten Start kaputt.
Und dann wäre da ja noch der mit gewaltigem Tamtam heimgekehrte Ur-Herthaner Kevin-Prince Boateng, der so gar nicht in Dárdais System passen will. Für einen Spielmacher-Halbstürmer-Hybrid hat der Ungar offenbar keinen Platz. Hätte Bobic dieses Problem vorhersehen können?
Bobic rechtfertigt Verkäufe: "Wie weit haben diese Spieler Hertha gebracht?"
Gegen aufkeimende Kritik setzte sich Bobic im "kicker" jüngst zur Wehr. "Mein Auftrag ist es, Dinge zu verändern. Aber das braucht Zeit. Das war 2016 in Frankfurt nicht anders", stellte der 49-Jährige klar.
Man sei "gerade dabei, eine neue Entwicklung anzustoßen. Das geht nicht mit Fingerschnipsen, das braucht Zeit", betonte der ehemalige Nationalspieler. Zuvor hätten "Mentalität", "Leadership", "totale Hingabe und die Bereitschaft, ihre individuelle Qualität ins Team zu investieren" gefehlt, legte Bobic nach.
Mehr dazu: Bobic rechnet knallhart mit Ex-Hertha-Stars ab
Mit den Sommertransfers habe man versucht, "eine Mannschaft zu bauen, in der die Spieler gern unser Trikot tragen und Hertha als Chance begreifen".
Zuletzt musste sich Bobic den Vorwurf anhören, möglicherweise die falschen Spieler ver- und gekauft zu haben. Seine scharfe Replik: "Wie befriedigend waren die letzte Saison und die davor? Wie weit haben diese Spieler Hertha gebracht?"
Er habe bei seiner Ankunft eine Mannschaft vorgefunden, "in der etwas Grundlegendes nicht zu funktionieren" schien. Diesen Missstand wolle er nach und nach beseitigen.
Duell mit Freiburg wohl Dárdais Endspiel
Bobic weiß allerdings auch, dass die Ungeduld nicht nur bei den Fans wächst und wächst. Nur sechs Punkte aus sechs Spielen bei 18 (!) Gegentoren genügen den Ansprüchen in der Hauptstadt nicht.
Sollte auch im kommenden Heimspiel gegen den formstarken SC Freiburg (Samstag, 15:30 Uhr) nichts zu holen sein, dürften personelle Konsequenzen, sprich: die Entlassung von Pál Dárdai, kaum noch zu vermeiden sein.
Dabei kann der Trainer nur mit dem Personal arbeiten, dass ihm von seinen Chefs zur Verfügung gestellt wird. Und zurzeit darf durchaus hinterfragt werden, ob bei der Kaderzusammenstellung der richtige Mix gefunden wurde.
Heiko Lütkehus






























