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Schiri-Experten sehen Wochenende im Zeichen des Fair Play

Collinas Erben: FCB-Rot war richtig, Köln nicht benachteiligt

Tolisso sah die Rote Karte
Tolisso sah die Rote Karte
Foto: © Sammy Minkoff via www.imago-images.de
19. Oktober 2020, 12:24
sport.de
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Während die Bundesliga-Schiedsrichter bei den Spielen von FC Bayern, BVB und Co. ein ruhiges Wochenende verleben, sorgen ungewöhnliche Szenen aus der zweiten Liga in Braunschweig und einer fünften Liga in Stuttgart für Furore. Dabei geht es um Fair Play, Missverständnisse und die Grenzen des Regelwerks.

Es ist selten, dass es in der Fußball-Bundesliga so wenige Spielszenen und Schiedsrichter-Entscheidungen gibt, die für Diskussionen sorgen, wie das am vergangenen Wochenende der Fall war. Gewiss, der Manager des 1. FC Köln, Horst Heldt, mokierte sich über den Strafstoß für Eintracht Frankfurt, der erst auf Intervention des Video-Assistenten verhängt wurde.

"Keine krasse Fehlentscheidung" sei es gewesen, dass Schiedsrichter Sven Jablonski nach dem Zweikampf zwischen Sebastian Bornauw und dem Frankfurter Daichi Kamada im Kölner Strafraum weiterspielen ließ, fand er. Weil Bornauw aber nicht den Ball spielte, dafür jedoch Kamada mit dem Knie traf, gab es gute Gründe für den Eingriff des VAR samt nachträglicher Elfmeterentscheidung.

Ansonsten ergaben sich nur wenige Kontroversen, selbst die Rote Karte für den Münchner Corentin Tolisso in der Partie des FC Bayern bei Arminia Bielefeld wegen einer "Notbremse" war unstrittig.

Gleiches gilt für die Rücknahme des Feldverweises, den der Leverkusener Edmond Tapsoba in der Begegnung beim 1. FSV Mainz 05 ursprünglich für das gleiche Vergehen kassiert hatte – bevor der VAR bemerkte, dass der klaren Torchance für die Mainzer ein Abseits vorausgegangen war, und den Unparteiischen davon in Kenntnis setzte. Dieser annullierte die Hinausstellung umgehend.

Rote Karte – wegen eines Missverständnisses

Unterhalb des Fußball-Oberhauses sorgten dafür gleich zwei Szenen für Aufsehen, die etwas mit Fair Play, menschlichen Missverständnissen und regeltechnischen Grenzen zu tun haben. Die eine davon trug sich im Zweitligaspiel zwischen Eintracht Braunschweig und dem VfL Bochum (2:1) zu. Weil ein Spieler verletzt am Boden lag, schossen die Niedersachsen den Ball in der 60. Minute ins Seitenaus, um nötigenfalls eine Behandlung zu ermöglichen. Die Bochumer beförderten den Ball beim folgenden Einwurf zurück zum Gegner, wie es gute Sitte ist. Es folgte ein weiter Rückpass von Nico Klaß zu seinem Torwart Felix Dornebusch, um von hinten neu aufzubauen und die Gäste nach deren Fair-Play-Geste nicht sofort mit einem Angriff zu konfrontieren.

Doch der Bochumer Stürmer Silvere Ganvoula war offenbar der Ansicht, dass der Fairness mit dem Einwurf zu den Braunschweigern Genüge getan wurde: Er sprintete überraschend in den Rückpass, eroberte den Ball und wollte ihn an Keeper Dornebusch vorbeilegen, der weit aus seinem Tor geeilt war, um das Unheil zu verhindern. Vor dem Strafraum warf er sich dem Ball entgegen – und bekam ihn dabei an den Arm. Schiedsrichter Christof Günsch bewertete das regelkonform als strafbares Handspiel und zeigte dem Braunschweiger Schlussmann die Rote Karte wegen der regelwidrigen Vereitelung einer offensichtlichen Torchance. Auch das war korrekt.

Die Braunschweiger protestierten dennoch vehement – allerdings weniger beim Referee als vielmehr bei Ganvoula, weil der das Zuspiel zum Torwart nicht mehr als Bestandteil der Fair-Play-Aktion betrachtet hatte. Die übrigen Bochumer waren sich dagegen einig, dass ihr Mitspieler es nicht zu dieser Szene hätte kommen lassen sollen. Deshalb gingen sie auf den Unparteiischen zu, um ihn zu überreden, die Rote Karte zurückzunehmen – eine beachtliche Reaktion. "Wir wollten faire Sportsmänner sein", sagte der Bochumer Trainer Thomas Reis zur Fachzeitschrift "kicker", „deshalb haben meine Jungs versucht, den Schiedsrichter umzustimmen“. Doch dieser habe „von den Regeln her keine Wahl“ gehabt, so der Coach.

Der Schiedsrichter hatte keine Wahl

Damit lag Reis richtig. Denn das Handspiel war nun einmal geschehen, es war strafbar und brachte die Bochumer um eine klare Torchance. Nur diese regeltechnischen Aspekte hatte Schiedsrichter Günsch zu berücksichtigen. Ob und wann der Ball in einer Situation wie dieser aus Gründen des Fair Play ins Aus gespielt und ein Einwurf zum Gegner befördert wird, müssen die Mannschaften unter sich ausmachen. Für den Referee gilt, wenn ein Spieler liegen bleibt, lediglich die Maßgabe: Ist dieser Spieler nach seinem Eindruck so ernsthaft verletzt, dass eine sofortige Behandlung notwendig erscheint, dann soll er die Begegnung unterbrechen. Wenn nicht, lässt er weiterspielen.

Entscheidet sich ein Team, den Ball ins Aus zu schlagen, obwohl der Schiedsrichter weiterspielen lassen hat, dann geschieht das freiwillig – und ohne den Anspruch, den Ball anschließend vom Gegner zurückzuerhalten, auch wenn das fast immer geschieht. In Braunschweig hatte der Referee also keine Wahl, doch den Bochumern blieb immerhin noch die Schadensbegrenzung: Den nach dem Handspiel fällig gewordenen Freistoß aus günstiger Position spielten sie fair zum eingewechselten Braunschweiger Ersatztorwart Jasmin Fejzić. "Das war das Einzige, was wir machen konnten", sagte Trainer Thomas Reis.

Absichtliches Eigentor als Entschädigung

In der fünftklassigen Oberliga Baden-Württemberg kam es derweil zu einer noch bemerkenswerteren Situation, die vor allem im Internet rasant verbreitet wurde. Im Spiel der Stuttgarter Kickers gegen den FC Nöttingen (4:1) spielten die Gäste den Ball kurz vor der Pause ebenfalls ins Seitenaus, um einem Mitspieler, der nach einem Zweikampf liegen geblieben war, bei Bedarf eine Behandlung zu ermöglichen. Der anschließende Einwurf blieb allerdings in den Reihen der Hausherren, von denen augenscheinlich nicht alle der Auffassung waren, dass der Ball absichtlich vom Feld befördert wurde. Die Kickers überrumpelten den Gegner mit einem schnellen Angriff und erzielten das 2:0. Die Nöttinger beschwerten sich deshalb heftig bei den Gastgebern.

Daraufhin bat Kickers-Trainer Ramon Gehrmann den Schiedsrichter Jürgen Schätzle um eine Einschätzung. Der Unparteiische machte deutlich, dass der Ball vor dem Einwurf tatsächlich mit Absicht von Nöttingen ins Aus geschossen worden war. Das nahm der Stuttgarter Coach zum Anlass, seine Elf anzuweisen, nach dem Anstoß der Nöttinger zur Entschädigung ein Eigentor zu fabrizieren. Dieser Aufgabe kam Lukas Kling aus 45 Metern nach, Torwart Thomas Bromma ließ den Ball passieren. Der Nöttinger Trainer Marcus Wenninger war beeindruckt: „Das war eine große Geste der Kickers. So etwas erlebt man nicht allzu oft.“

Den Schiedsrichtern waren in Braunschweig und Stuttgart letztlich von den Regeln die Hände gebunden – was nicht zu beklagen ist, da das Fair Play in Situationen, in denen sich der Referee gegen eine Spielunterbrechung entscheidet, weil er begreiflicherweise keinen sofortigen Behandlungsbedarf sieht, die Sache der Mannschaften ist. Dabei mag es gelegentlich zu Missverständnissen kommen, doch die Beispiele vom vergangenen Wochenende zeigen, dass diese sich mindestens teilweise beheben lassen. Das ist eine gute Nachricht.

Alex Feuerherdt

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