"Die restlichen Fahrer sehen wie Idioten aus", kommentiert Cal Crutchlow den Mega-Save von Marc Márquez in Barcelona.
Im vierten Freien Training konnte der Weltmeister in der Zielkurve einen Sturz gerade noch abfangen. Seine Aktion sorgte wie so oft für hochgezogene Augenbrauen und verwunderte Gesichter. "Man muss sich nur vorstellen, wie viele Stürze er an diesem Wochenende gerettet hat, und wie oft wir gestürzt sind. Er rettet 15 an einem Wochenende", schüttelt Crutchlow den Kopf.
Der Brite selbst stürzte in Barcelona im dritten Training. Der Brite ist in den bisherigen sieben Rennwochenenden neunmal zu Boden gegangen. Dani Pedrosa kommt auf sechs Stürze. Márquez lag schon zehnmal auf dem Boden - so viel wie kein anderer Fahrer im Feld. Dazu kommen die unzähligen Saves. Trotz der hohen Sturzrate ist es bemerkenswert, dass sich Márquez kaum verletzt und noch nicht wegen einer Verletzung länger pausieren musste.
"Man muss sich vorbereiten und daheim trainieren", sagt Márquez. "Eine Stärke meines Körpers ist meine Flexibilität. Das ist wichtig, wenn man stürzt oder ein Save gelingt. Mein Bruder absolviert das gleiche Training wie ich, aber er hat diese Flexibilität nicht. Meine Eltern haben mir das mitgegeben und ich bin sehr froh darüber." In seiner gesamten Karriere musste Márquez erst einmal pausieren. Ende 2012 hatte er nach einem Moto2-Sturz in Malaysia Probleme mit der Sicht.
Márquez: Ich fahre immer am Limit
Bemerkenswert ist, dass Márquez hauptsächlich im Training stürzt und nicht im Rennen, denn dann kennt er das Limit. Sein Sturz in Mugello war der erste seit Le Mans im Vorjahr. Also ein Jahr lang war er nicht im Rennen gestürzt. Trotzdem gibt der Spanier zu, dass er in den Trainings bewusst ans Limit geht und Stürze einkalkuliert, um zu wissen, wie weit er attackieren kann und wo die schmale Grenze liegt. Trotzdem versucht er jeden sich anbahnenden Crash noch abzufangen. Immer gelingt es nicht.
"Natürlich ist es gefährlich, aber wenn ich stürze, dann stürze ich langsamer", sagt er über sein Talent, das Motorrad bei einem sich anbahnenden Sturz sehr lange unter Kontrolle zu halten. "Ich weiß aber nicht woher das kommt, es passiert natürlich. Ich fahre immer am Limit. Im ersten Training bin ich in meiner dritten Runde 1:39,8 gefahren. Ich war bereits am Limit und habe versucht, das Limit zu spüren. Das verleiht mir vielleicht das spezielle Gefühl."
Kann man das als Fahrer lernen?
Aber kann man das als Fahrer lernen, bewusst derart ans Limit zu gehen, dass man Stürze einkalkuliert? "Ja, aber das heißt nicht, dass wir das alle können", meint Crutchlow. "Er fährt das Motorrad ganz anders. Es geht darum, wie nahe er schon dem Boden ist, wenn sich ein Sturz anbahnt, weil er das Knie auf den Boden drückt. Alle anderen Fahrer sitzen zentraler auf dem Motorrad." Teilweise rettet Márquez die Stürze mit dem Knie, aber auch mit der Schulter. Er brachte einen neuen Fahrstil in die MotoGP.
Die anderen Fahrer tun sich schwer, ihren natürlichen Fahrstil anzupassen und Márquez zu kopieren. "Man macht das nicht", so Crutchlow. "Dein natürlicher Stil ist dein natürlicher Stil. Valentinos Stil ist zu einem gewissen Grad immer noch gleich wie bei den 500ern. Man passt sich an die Reifen und das Bike an, aber dein Stil ist dein Stil." Damit mein Crutchlow, dass man Márquez nicht einfach kopieren kann.
Dass bei den Honda-Fahrern das Vorderrad generell häufig wegzurutschen beziehungsweise einzuklappen droht, liegt an der Charakteristik des Motorrades. "Unser größtes Problem ist, dass das Bike nicht lenkt", hält Crutchlow fest. "Und wir haben keinen tollen Grip am Hinterrad. Aber unser Bike ist auf der Bremse unglaublich, also versuchen wir diesen Vorteil zu nutzen. Dadurch stürzen wir in der Bremsphase oder in der Kurvenmitte, weil wir so hart und tief in die Kurve hineinbremsen. Dadurch überhitzen wir den Vorderreifen und er hält nicht mehr stand."
Beim Montagstest in Barcelona arbeitete Márquez mit einem schwarzen Prototypen. Das Hauptaugenmerk lag dabei auch darauf, das Gefühl für den Vorderreifen zu verbessern, damit die Fahrer nicht so häufig in Sturzgefahr kommen. Seit einem Jahr konzentrierte sich Honda hauptsächlich auf die Entwicklung des Motors und der Abstimmung der Elektronik. Beim Chassis hat sich nicht viel verändert. Alle Honda-Fahrer sind mit einer Chassisversion von 2016 unterwegs, mit der Crutchlow damals in Brünn gewonnen hat.
