Beim Großen Preis von San Marino sah es lange Zeit so aus, als würde Danilo Petrucci (Pramac-Ducati) seinem ersten MotoGP-Sieg entgegen fahren. Doch in der ersten Ecke der letzten Runde machte ihm Honda-Pilot Marc Márquez einen Strich durch die Rechnung. Lange hatte er Petrucci, der das Rennen auf nasser Strecke 21 Runden lang anführte, von Platz zwei aus belauert. Mit seiner Schlussattacke schnappte er ihm den Sieg vor der Nase weg.
"Das Rennen war der Wahnsinn. Man kann sich gar nicht vorstellen, wie groß die Anpassung ist und wie schwer es ist, die Konzentration zu halten. Denn das Rennen war wirklich lang", fasst Márquez die 28 Runden in Misano emotional zusammen. Noch zu Beginn habe es sich nicht wirklich wohl gefühlt, doch in der zweiten Rennhälfte sei das Gefühl besser geworden, weshalb er zu Petrucci aufschließen und den Italiener studieren konnte.
Dabei war Márquez sein Sturz im Warm-up eine Lehre: "Ich denke, das war ein guter Sturz, denn sonst wäre er mir sicher im Rennen passiert. Er gab mir eine Warnung. Im Rennen versuchte ich, ruhig zu bleiben und Danilo zu folgen. Vielleicht war ich etwas schneller, aber ich versuchte, es zu kontrollieren und nur dort zu pushen, wo ich mich gut fühlte", erklärt der 24-Jährige. Nach den vielen Abflügen in der Moto3 und Moto2 habe er nichts überstürzen wollen.
Márquez: Fünf Punkte mehr wichtig für die WM
Der Honda-Pilot gibt zu: "Nach den beiden Rennen der kleinen Klassen, wo viele der Topfahrer gestürzt sind, war es schwierig rauszugehen. Man weiß, man muss das Rennen beenden. Mir war klar, dass es für mich im Falle eines Sturzes in der WM schwierig werden würde, wenn Dovi auf das Podium fährt. Aber letztlich muss man mit dem Druck umgehen." Deshalb fasste sich Márquez ein Herz und bereitete für die Schlussphase einen Angriff vor.
Die WM hatte Márquez dabei sehr wohl im Hinterkopf: "An einem bestimmten Punkt begann ich, über die WM nachzudenken und überlegte, ob der zweite Platz vielleicht reicht. Aber dann dachte ich mir: Okay, ich habe das Potenzial und werde es versuchen. Diese fünf Punkte könnten dir am Ende der Saison in Valencia fehlen." Anders als in Spielberg wollte er es dieses Mal aber nicht auf einen Angriff in der letzten Kurve ankommen lassen.
Márquez schlug deshalb eingangs der letzten Runde zu und versuchte dann, sofort eine Lücke aufzumachen, um keinen Gegenangriff zu kassieren - mit Erfolg. Petrucci konnte nichts mehr entgegensetzen. Márquez fuhr im finalen Umlauf die schnellste Rennrunde (1:47.069 Minuten) und als Sieger über die Ziellinie. "Für mich war es besser, das Risiko auf einer Runde als in der letzten Kurve einzugehen", erklärt der Honda-Pilot seine Strategie.
"Unglaubliche WM": Druck für Márquez ein Ansporn
Natürlich hätte diese auch nach hinten losgehen können, weiß der Spanier: "Die Strecke war extrem rutschig. Es war leicht, einen Fehler zu machen. Wenn man sich die Stürze in der Moto3 und Moto2 ansieht, verliert man Vertrauen. Aber ich musste es versuchen. Es war ein großes Risiko. Wäre ich gestürzt, hätten mich sicher viele kritisiert. Aber das ist mein Stil. Er hat mir fünf Titel eingebracht. Und ich werde weiter pushen und gleichzeitig versuchen, das Risiko zu kalkulieren."
Apropos Risiko: Zwischenzeitlich sah es sogar danach aus, als würde Márquez mit dem Gedanken spielen, auf Slicks zu wechseln. Denn der Spanier gab seiner Crew früh im Rennen ein Zeichen, die zweite Honda für einen möglichen Wechsel vorzubereiten. "Wir haben das vor dem Rennen besprochen. Ich sagte, wenn ich das Gefühl habe, dass es ein Flag-to-Flag-Rennen werden könnte, halte ich mein Bein raus und ihr könnt das Motorrad vorbereiten", so Márquez.
So sollte die Crew genug Zeit haben, das Zweitbike auf das Trocken-Set-up umzurüsten - für den Fall der Fälle. Dieser trat letztlich nicht ein, doch Márquez wollte auf Nummer sichergehen: "Die Strecke trocknete recht schnell ab, am Ende war nicht mehr so viel Wasser da. Man muss immer bereit sein." Petrucci und Dovizioso sahen für ein Flag-to-Flag-Rennen zu keinem Zeitpunkt eine Chance. "Dafür war es zu kühl", sagt Petrucci.
In der WM ist Márquez nun punktgleich mit Ducati-Konkurrenz Dovizioso. Beide haben 199 Zähler. Noch fünf Rennen sind zu fahren. "Diese WM ist unglaublich", kommentiert Márquez den engen Kampf. "Nach dem letzten Rennen war ich enttäuscht. Umso wichtiger war es, dass wir uns hier stark zurückmelden. Normalerweise habe ich hier in Misano zu kämpfen. Jetzt gehen wir nach Aragon. Der Druck ist hoch, aber er motiviert mich."
