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Ein Blick in die Motorsportgeschichte

Vor 69 Jahren: Das Höllen-Inferno von Le Mans

Der Mercedes von Pierre Levegh steht in Flammen
Der Mercedes von Pierre Levegh steht in Flammen
Foto: © unknown
11. Juni 2024, 07:01

Vor 69 Jahren ereignete sich beim 24-Stunden-Rennen von Le Mans der wohl schwerwiegendste Unfall der Motorsportgeschichte. Wir blicken zurück auf den verheerenden Crash, bei dem 83 Zuschauer starben und weit über 100 Menschen verletzt wurden.

Der 11. Juni 1955 war ein sonniger Tag. Le Mans freute sich auf das Highlight des Jahres. Das Flair der großen weiten Welt war in der kleinen französischen Stadt zu spüren. Rund 300.000 Menschen säumten die Rennstrecke, es herrschte Volksfest-Stimmung. "Man fühlte sich sehr verbunden, weil es keine Zäune gab, keine Absperrungen", erklärte ein Augenzeuge Jahre später: "Wir waren ganz nah an den Autos dran".

Doch genau diese Nähe sollte einer Vielzahl von Zuschauern zum Verhängnis werden. Denn so sehr sich die Rennwagen seit der Premiere von Le Mans im Jahr 1923 verändert hatten, so wenig wurden die Begebenheiten an die mittlerweile doppelt so schnellen Boliden angepasst. Einfache Holzzäune und Strohballen dienten als Absperrung, die Haupttribüne vor Start-und-Ziel war lediglich durch eine kleine Mauer geschützt, die kaum einen Meter hoch war.

Und in genau dieses Häufchen Beton krachte der Franzose Pierre Levegh nach einer vorangegangenen Kollision mit Tempo 200. Autoteile seines Mercedes' lösten sich, flogen ungebremst in die Zuschauermenge, trennten Körperteile ab und walzten alles nieder, was sich ihnen in den Weg stellte. "Erst ein Feuerball und dann war es wie beim Domino-Spiel: Die Menschen sind reihenweise umgefallen. Dann bekamen wir keine Luft mehr, wurden weggerissen. Es ging sehr schnell" erklärte ein Augenzeuge später. 

Hawthorn im Mittelpunkt

Dem Drama vorangegangen war ein erbitterter Kampf im Kräftemessen der beiden Vorzeigekonzerne Mercedes und Jaguar. Mittendrin Formel-1-Weltmeister Juan Manuel Fangio im Silberpfeil und vor allem der übermotivierte Mike Hawthorn im Jaguar. Die beiden Hitzköpfe lieferten sich von Beginn an ein enges Duell um die Pole-Position, das nach weniger als zweieinhalb Stunden tragisch enden sollte:

Hawthorn überrundete in einem waghalsigen Manöver wenige hundert Meter vor der Box im hohen Tempo Lance Macklin, scherte jedoch sofort wieder vor seinem englischen Kollegen ein und bremste für einen Tankstopp unerwartet scharf ab.

Daraufhin sah sich der Austin-Healey-Fahrer gezwungen, in die Mitte der engen Fahrbahn auszuweichen, um eine Kollision zu verhindern. Doch im Nadelöhr kurz vor der Boxengasse wurde der Platz zu knapp. Von hinten kam Lokalmatador Levegh, der in seinem Mercedes nicht mehr rechtzeitig ausweichen konnte, auf Macklin prallte und wie ein Geschoss in Richtung Haupttribüne abhob. Levegh starb beim Aufprall - und mit ihm 83 Zuschauer auf tragischste Art und Weise. 

Bis zum bitteren Ende

"Plötzlich lagen alle auf dem Boden, als ich den Kopf hob, stand keiner mehr. Alle waren wie weggefegt", berichtete ein Augenzeuge, doch das wahre Ausmaß der Katastrophe kam erst später zum Vorschein. Denn das Rennen ging unterbrechungslos weiter. Später offiziell damit begründet, die Straßen für die Rettungsfahrzeuge freihalten zu wollen.

Als die Nachricht über die hohe Opferzahl viele Stunden nach dem Unfall in der Box von Mercedes ankam, entschied der deutsche Konzern, sich noch während der Veranstaltung zurückzuziehen. So ging Jaguar-Pilot Hawthorn - erst Dekaden danach durch Bilder eines Amateurfilmers als Hauptverantwortlicher der größten Motorsportkatastrophe aller Zeiten identifiziert -  schließlich als Sieger dieses denkwürdigen Ereignisses in die Geschichte ein. Mitleid mit den Opfern zeigte er (auch Jahre später) nicht. Anfang 1959 starb der Formel 1-Weltmeister von 1958 schließlich während eines privaten Rennens bei einem Verkehrsunfall.

Chris Rohdenburg

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