Für Fahnenträger Timo Boll wird es ab Sonntag ernst. Die größten Medaillenhoffnungen der deutschen Asse ruhen allerdings auf einem anderen.
Für Timo Boll sind die Olympischen Spiele in Rio schon vor dem ersten Aufschlag ein Erfolg. Auch wenn die Einzel-Medaille wohl für immer ein Traum bleiben wird, seinen emotionalen Auftritt bei der Eröffnungsfeier im Maracana kann dem Fahnenträger niemand mehr nehmen. Die Rolle als größter Hoffnungsträger der deutschen Tischtennis-Asse hat Boll schon längst an seinen Thronfolger abgetreten.
Während der 35-jährige Altmeister angesichts eines drohenden Viertelfinal-Duells mit dem übermächtigen Chinesen Ma Long ziemlich sicher erneut leer ausgehen wird, hat Europameister Dimitrij Ovtcharov gute Chancen, seinen Bronze-Coup von London zu wiederholen. Sportlich hat der 27-Jährige seinen prominenten Teamkollegen bereits seit einigen Jahren als deutsche Nummer eins abgelöst. In Rio scheint Ovtcharov, der am Montag erstmals an die Platte geht, bereit für den nächsten großen Wurf zu sein.
Als Weltranglistenfünfter ist er seit geraumer Zeit bester Nicht-Chinese der Welt und durch die Beschränkung auf zwei Starter pro Nation bei Olympia an Position drei gesetzt. Gegen seinen möglichen Halbfinalgegner, den chinesischen Olympiasieger Zhang Jike, hat er zudem drei der letzten vier Duelle gewonnen. "Träumen ist nicht verboten, aber die Konkurrenz ist natürlich enorm", sagte Ovtcharov dem "SID".
Ovtcharov der fleißige Arbeiter
Anders als Boll, der seit jeher als das begnadete Ausnahmetalent gilt, wird Ovtcharov stets als fleißiger und harter Arbeiter porträtiert. Als störend empfindet der in Kiew geborene deutsche Spitzenspieler diesen Vergleich nicht. "Talent ist ein sehr weitläufiger Begriff", sagte Ovtcharov: "Einen Körper zu haben, der sehr robust ist und großen Trainingsfleiß zu zeigen, sind auch Attribute, die für mich zum Talent zählen."
Ovtcharov bestreitet in Rio seine dritten Sommerspiele. Auch wenn er gelassener ist als vor seinem Debüt 2008 in Peking, ist die Vorfreude ungebrochen. "Olympische Spiele sind das Nonplusultra für jeden Athleten", sagte er: "Das Kribbeln ist nach wie vor da, aber die Spannung war vielleicht beim ersten Mal etwas größer."
Die Erfolge der letzten Jahre haben Ovtcharov derweil auch im Tischtennis verrückten China Anerkennung und Respekt eingebracht. Massenaufläufe am Flughafen löst er im Gegensatz zu Teamkollege Boll jedoch bislang nicht aus. Um wie der frühere Weltranglistenerste im Reich der Mitte zu einem Superstar aufzusteigen, muss Ovtcharov wohl einen der chinesischen Top-Athleten schlagen - am besten auf der größtmöglichen Bühne Olympia.
Ohne Chancen auf Edelmetall gehen in Rio die deutschen Frauen an den Start. Obwohl sie so hoch gesetzt sind wie nie zuvor. Spitzenspielerin Han Ying (Tarnobrzeg/Nr. 5) könnte bereits im Viertelfinale auf Top-Favoritin Ding Ning (China/Nr.1) treffen, die zweite deutsche Starterin Petrissa Solja (Berlin/Nr.10) hat ebenfalls eine schwere Auslosung erwischt.
