Für ihren Olympia-Traum ist Karin Schnaase viermal um die Welt geflogen. In einem Jahr. Die Jagd nach Punkten führte die Badmintonspielerin aus dem Münsterland an den Fuß der Anden und in die Republik Tartastan, nach New York, Sydney, Vancouver und Jakarta. Schnaase spielte im türkischen Mersin, unweit der syrischen Grenze, in Wladiwostok und Guatemala. Doch erst bei der EM in La Roche-sur-Yon entscheidet sich, ob sie tatsächlich nach Rio reisen darf.
An der französischen Atlantikküste gipfelt das Duell zwischen Schnaase und ihrer Rivalin Olga Konon aus dem Saarland. Beide hoffen auf eine Medaille, beide fürchten das frühe Aus - und beide schielen stets mit mindestens einem Auge auf die Kontrahentin. "Ich habe mir einen Vorsprung erarbeitet, es ist aber noch nichts entschieden", sagt Schnaase: "Mein voller Fokus gilt jetzt der EM."
Außer Ex-Europameister Marc Zwiebler, der längst für seine dritten Sommerspiele qualifiziert ist, müssen alle deutschen Olympiakandidaten bei der EM um ihr Ticket nach Rio kämpfen. Zu einem nationalen Zweikampf um den Platz im Olympiateam kommt es jedoch nur zwischen Schnaase und Konon, es ist die letzte Chance zu punkten, nach dem Turnier wird unwiderruflich abgerechnet.
"Warum tust du dir das eigentlich an?
Seit 51 Qualifikationswochen liegt Schnaase vor Konon, doch nie konnte sie sich entscheidend von der gebürtigen Weißrussin absetzen. So hetzte sie um die Welt, von Turnier zu Turnier, von Flughafen zu Flughafen. "Zwischendurch habe ich mir gedacht: Warum tust du dir das eigentlich an?", erzählt Schnaase, die im Alter von 31 Jahren im Sommer ihre Karriere beenden wird. Egal ob mit oder ohne Olympia.
In der Holzklasse - die Verbandsförderung reicht weder für ein Upgrade, geschweige denn für alle Turnierreisen aus - sammelte Schnaase Meilen, auf denen sie manchmal Bruder und Trainer Christoph mitnahm. Olga Konon punktete derweil konstant in Europa. "Für meinen Körper und auch meinen Kopf ist es gefährlich, wenn ich zu viel spiele", sagt die 26-Jährige. Ein Totalschaden im rechten Knie, der erst wenige Monate vor Beginn der Qualifikation endgültig behoben war, war Konon Warnung genug.
Chancen stehen 50 zu 50
Dennoch kreuzten sich häufig die Wege der beiden deutschen Topspielerinnen. In der Millionenmetropole Jakarta trafen sie sich durch Zufall beim Training, in der Bundesliga gewann Konon das direkte Duell. Im Finale des Swedish Masters in Stockholm triumphierte Schnaase nach einem dramatischen Match mit 21:19 im dritten Satz. Der Titel bei den Peru International Mitte April in Lima verschaffte ihr einen Vorteil vor der EM.
Dennoch glaubt Konon, die bereits 2008 in Peking für ihr Geburtsland angetreten war, an ihre zweite Olympiateilnahme: "Die Chancen stehen 50 zu 50. Wenn ich bei 100 Prozent bin, dann ist ein richtig gutes Ergebnis möglich." Trotz der Auslosung, die ihr im Viertelfinale ein mögliches Duell mit Weltmeisterin Carolina Marin beschert hat.
Karin Schnaase hat es in La Roche-sur-Yon besser getroffen, doch noch liegen allerhand Stolpersteine auf dem Weg zu den Olympischen Spielen. Sie ahnt: Die letzten Meter auf ihrer (Welt-)Reise nach Rio werden ein Kraftakt, womöglich so beschwerlich wie ihre vier Weltumrundungen zuvor.