Er ist wieder da: Nach eineinhalb Jahren Rente kehrt Tyson Fury am 11. April in London gegen den Russen Arslanbek Makhmudov ins Box-Geschäft zurück. Gewinnt Fury, stehen ihm viele Türen offen.
Geht es nach John Fury, ist das Comeback von Tyson Fury keine gute Idee. "Er ist 38 (im August, Anm.d.Red.) und die Leute setzen ihm Nonsens in den Kopf", sagte "Big John" im Interview mit "Playbook Boxing".
Mehr noch: Der Vater sieht in der Ring-Rückkehr seines Sohnes ein großes Risiko. "Alles, was ich je zu ihm gesagt habe, war: Wenn ich in deiner Ecke wäre und du Probleme bekommst, würdest du nicht sterben. Aber wenn er mit diesen Leuten in seiner Ecke in Schwierigkeiten gerät, könnte er tot sein oder mit einem Gehirnschaden fürs Leben enden", rief Fury Senior Alarmstufe Rot aus.
Der Boxsport habe die Beziehung zu seinem Jungen leider "komplett zerstört". Ein Boxer brauche aber eine schützende Hand, sinnierte der 60-Jährige. "Sie (Furys Team, d.Red.) werden das nicht tun. Sie werden nicht das Handtuch werfen und ihn nicht rausnehmen. Ihre Egos sind größer als Tyson, größer als der Kampf selbst, und so werden Leute in diesem Sport ernsthaft verletzt. Man hat es schon gesehen: Ein Schlag, Bang und es ist vorbei! Es kann ganz einfach passieren, es ist ein gefährlicher Sport."
Eine scharfe Kritik an Furys Trainer Sugar Hill Steward, dem Neffen der verstorbenen Trainer-Ikone Emanuel Steward, und Manager Spencer Brown, der in der Karriere des Box-Superstars seit Jahren die Fäden zieht. Laut John Fury hat sein Sohn ein grundlegendes Problem, das ein Leben als Preiskämpfer verbietet. Seit den erbarmungslosen Duellen mit Knockout-König Deontay Wilder habe Tyson "keine Beine mehr". Er verstehe zwar, dass sein Sohn "sich selbst testet. Aber ich sage euch: Seine Beine sind nicht mehr da. Er wird das erst glauben, wenn der Gong schlägt."
Der Gong schlägt für Tyson Fury am 11. April im Tottenham Stadium von London gegen Arslanbek Makhmudov. Es ist ein Comeback, mit dem in der Box-Szene eigentlich jeder gerechnet hat. Anfang 2025, wenige Wochen nach der zweiten Niederlage gegen Oleksandr Usyk, hatte der Engländer sein Karriereende verkündet – doch weil das in Furys Karriere alle Jahre lang passierte, kaufte ihm einen dauerhaften Renteneintritt keiner ab.
Fury will Makhmudov "den Kopf von seinen Schultern schlagen"
Der Zwei-Meter-Russe Makhmudov, einst als "Bogeyman" des Schwergewichts gehandelt, ist beileibe kein Fallobst. Gewiss: Vom Bochumer "Leberking" Agit Kabayel kassierte Makhmudov Ende 2023 eine veritable Tracht Prügel, die ihn aus der Spur warf. Im Jahr darauf verlor er auch gegen den Italiener Guido Vianello durch Abbruch. Aber: Makhmudov meldete sich im Vorjahr mit einem soliden Punktsieg gegen den britischen Fan-Liebling Dave Allen zurück. Der 36-jährige "Löwe", der in Kanada lebt, mag technisch limitiert sein. Dass Makhmudov (19 K.o.-Siege in 23 Kämpfen) hart hauen kann, ist unbestritten. Fury hätte sicher einen leichteren Gegner haben können, um sich aus dem Faustkampf-Ruhestand zurückzumelden.
Was hat der "Gypsy King" noch drauf? Hat sein "ungefilterter" alter Herr ("ich sage die Dinge, wie ich sie sehe") mit seiner schwachbeinigen Diagnose Recht? Oder spricht aus John Fury nur die Enttäuschung eines Ausgeschlossenen, der – anders als zunächst angekündigt – im Team Fury keine Rolle mehr spielt?
Die Antworten wird Tyson Fury im Ring geben. Hat er in den den 18 Monaten Pause, in denen er unter anderem die zweite Staffel seiner Netflix-Serie "At Home with the Furys" abdrehte, nicht allzu viel Rost angesetzt, sollte Mahkudov – bei aller K.o.-Gefahr – eine machbare Aufgabe sein. "Ich werde den Kopf von seinen Schultern schlagen", tönte Fury auf der PK. Nach vier Runden werde Makhmudovs Gesicht wie der Hackblock eines Metzgers aussehen.
Fury ist seinem Kontrahenten technisch turmhoch überlegen und bietet auf dem Papier nach wie vor ein eindrucksvolles Gesamtpaket. Ein boxerisch derart versierter, agiler 2,06-Meter-Riese, der die Facetten des Konterboxens wie die Modi des Dampfwalzenkampfes beherrscht, gibt es im Schwergewicht außer ihm nicht. Und auch kein Boxer hat Oleksandr Usyk, den Meister aller Klassen, derart in den roten Bereich getrieben, wie Fury mit seinem stilistischen Reichtum.
Kommt endlich Fury vs. Joshua?
"Ich bin geboren und aufgezogen, um zu kämpfen. Das ist meine Bestimmung", sagte Tyson Fury über die Motive seiner Rückkehr. Ums Geld gehe es ihm nicht, davon habe er wie Sand am Meer. Wobei: "Es gibt nichts Besseres, als einem Mann ins Gesicht zu hauen und dafür bezahlt zu werden." Klar ist: Die Kasse wird stimmen. Der Streaming-Gigant Netflix überträgt die Comeback-Show aus dem Tottenham Stadium weltweit. Federführender Promoter des Events ist sein Manager Brown. Der Engländer wird für seinen Protegé keinen zweitklassigen Deal ausgehandelt haben.
Bei allen Unsummen, die demnächst auf Furys Konto einlaufen, dürfte an den sportlichen Ambitionen des früheren Weltmeisters kein Zweifel bestehen. Bei einem (wahrscheinlich schon halbwegs) überzeugenden Sieg gegen Makhmudov, stehen Fury die Türen weit offen. Der Rückkehrer hat schon Interesse an einem Kampf gegen den Sieger der WBO-WM zwischen Fabio Wardley und Daniel Dubois am 9. Mai in Manchester signalisiert. Ein drittes Mal Schwergewichts-Weltmeister werden und mit Box-Legenden wie Muhammad Ali oder Lennox Lewis gleichziehen – das reizt den Box-"Historiker" Fury, auch wenn dieser stets vorgibt, Rekorde und Statistiken seien ihm egal.
Es ist allerdings eine andere "Battle of Britain", die Fury und die gesamte Boxwelt erregt: der langersehnte Blockbuster gegen Superstar Anthony Joshua. Zuletzt machten Gerüchte die Runde, die englischen Faustkampf-Giganten hätten sich bereits auf einen Showdown Ende des Jahres geeinigt. Joshua-Promoter Eddie Hearn dementierte zwar eilig. Fury betonte im Vorfeld seiner Tottenham-Show aber: "Ich denke, wir sollten diesen Kampf so schnell wie möglich machen, nicht, dass dazwischen etwas passiert."
Joshua hatte angedeutet, vor einem möglichen Duell mit Fury erst noch gegen den Amerikaner Deontay Wilder zu boxen, um sich einzustimmen. "Dieser Kampf sollte in den letzten zehn Jahren so oft passieren", entgegnete Fury. Zu oft hätten alle Beteiligten gedacht, "wir machen noch einen Kampf dazwischen. Etwas geht schief oder jemand verletzt sich oder was auch immer."
Fury ein Meister des Comebacks
Fury hat indes auch ohne seine Landsleute eine WM-Option, rein sportlich gesehen sogar die attraktivste. Sein alter Nemesis Oleksandr Usyk nannte im Interview mit "The Ring" drei Gegner, gegen die er noch(mal) boxen wolle, ehe er die Handschuhe an den Nagel hängt: Kickbox-Legende Rico Verhoeven, auf den Usyk am 23. Mai in einem absurden Spektakel an den Pyramiden von Gizeh trifft; den Sieger aus Wardley vs. Dubois; und eben seinen "Freund" Tyson Fury, den "greedy belly", gierigen Bauch.
Um den Fans (und den Streaming-Kolossen à la Netflix) Teil mit Usyk drei schmackhaft zu machen, muss Fury gegen Makhmudov aber erst einmal zeigen, dass er es noch draufhat. Einer hält schon jetzt nichts von der Trilogie der beiden besten Schwergewichtler der 20er Jahre: John Fury. "Nichts wird sich ändern: Tyson wird schwächer und Usyk wird stärker", grantelte der 60-Jährige auf ein mögliches Rubber Match angesprochen. Aber Tyson Fury hört schon lange nicht mehr auf das, was Papa und/oder andere ihm raten. Und wenn er in seiner achterbahnartigen Karriere eines bewiesen hat, dann das: Er kann Comebacks.

