Die Oklahoma City Thunder sind trotz all ihrer Verletzungen auf einem guten Weg, ihren 2025 gewonnenen Titel zu verteidigen. Im wahrsten Sinne des Wortes. Was macht OKC zu einem derart historischen Bollwerk? Ein Deep Dive.
Jede Dynastie der NBA-Geschichte hatte ihr Alleinstellungsmerkmal. Die Curry-Warriors machten die Liga mit ihrem explosiven Shooting verrückt. Die Lakers hatten Shaq als ultimativen Lowpost-Dominator, auf den niemand eine gute Antwort hatte. Die Bulls hatten Jordans mörderisches Wetteifern, die Celtics hatten Russells Defense, und so weiter.
Bei keinem Team waren diese jeweiligen Kennzeichen das Einzige, was sie mitbrachten, natürlich - sonst hätte keins von ihnen den Sprung zur Dynastie geschafft. Gerade die Bulls und Warriors waren konstant offensiv UND defensiv elitär, ausgewogen in ihrer Brillanz. Shaq hatte einen nicht ganz unwichtigen Konterpart auf dem Flügel. Der Punkt ist nur, dass bei all diesen All-Time-Teams bei den allermeisten Leuten eine Eigenschaft zuerst in den Sinn kommt, welche das jeweilige Team mehr als alle anderen definierte.
Die Thunder sind auf dieser Ebene noch nicht angekommen. Sie haben einen Titel gewonnen, den sie gerade versuchen, zu verteidigen. Was nicht leichter geworden ist, im Gegenteil: Seit den Curry-Durant-Warriors 2018 hat keine Mannschaft ihre Meisterschaft erfolgreich verteidigt. In dieser Ära der Parität allerdings war womöglich kein Champion eher prädestiniert dazu als OKC.
Und ihr Alleinstellungsmerkmal haben die Thunder bereits. Es ist aber nicht ihr bester Spieler - obwohl Shai Gilgeous-Alexander als MVP amtiert und gerade eine weitere der besten Guard-Saisons aller NBA-Zeiten hinlegt. (Beispielhaft: Sein aktuelles Player Efficiency Rating (31,42) wurde in der Geschichte unter Guards lediglich von Jordan (2x) und einmal Curry überboten.)
So grandios SGA, der vielleicht beste individuelle Scorer der Liga, auch ist - das Duell um die Calling Card seines eigenen Teams kann er nicht gewinnen.
Oklahoma City Thunder: Ein Contender – ohne den MVP?
Der beste Indikator für die tatsächliche Qualität eines Teams ist historisch betrachtet nicht die Bilanz, sondern das Net-Rating, also die Punktdifferenz pro 100 Ballbesitzen. Als Faustregel kann da gelten: Ab +3 sind die Teams ziemlich gut, ab +5 lässt sich von legitimen Titelanwärtern sprechen. Und ab +10 von potenziellen All-Time-Teams.
In der laufenden Spielzeit gibt es (laut Cleaning the Glass) sechs Teams, die über der 5er-Marke stehen. Fünf Teams stehen über +6, vier über +7, eins über +10 (es ist nicht schwer zu erraten, welches). Oklahoma City steht bei +5,4 - wenn Gilgeous-Alexander nicht mitspielt. Selbst ohne den MVP der Liga performen die Thunder wie ein Team, das um die 54 Siege einplanen und um die Meisterschaft mitspielen kann.
Obwohl ohne ihn sicherlich nicht viele Experten auf die Thunder als Meister setzen würden, obwohl er offensiv tatsächlich unverzichtbar ist, obwohl OKC ohne SGA schlicht und ergreifend kein gutes Offensiv-Team ist, was kein neuer Trend ist und nicht erst dadurch hervorgerufen wurde, dass die "Nummer 2" Jalen Williams in dieser Spielzeit so viel Zeit verpasst hat.
Worauf sich OKC immer verlassen kann, was dieses Team schlussendlich abhebt und stabil - nahezu unabhängig davon, wer gerade auf dem Court steht - zu einer "W"-Manufaktur macht, ist seine Defense. Die derzeit verlässlichste außergewöhnliche Stärke, die irgendein Team in der Liga ihr Eigen nennt. Und vielleicht eine der außergewöhnlichsten Stärken der Geschichte …
NBA: Seltenes Terrain
Da sich das Spiel permanent entwickelt, Regeln verändert, Offensiven effizienter werden, ergibt es wenig Sinn, Defensiv-Ratings aus der heutigen Liga direkt etwa mit solchen von vor 20 Jahren zu vergleichen. 2004 betrug das durchschnittliche Offensiv-Rating ligaweit 102,3, was heute die mit großem Abstand schlechteste Offensive wäre. Der aktuelle Ligaschnitt liegt bei 115,6.
Nützlich für die historische Einordnung ist es vielmehr, die relative defensive Effizienz zu betrachten, also zu sehen, wie sehr sich ein Team vom jeweiligen Liga-Schnitt unterscheidet. Basketball-Reference zufolge lag OKC vergangene Saison 7 Punkte, aktuell sogar 7,9 Punkte unter dem durchschnittlichen Defensiv-Rating in der NBA.
Teams, die in aufeinanderfolgenden Jahren mal so stark verteidigt haben, waren: Die Russell-Celtics (mit dem ewigen Rekord aus 63/64: 10,8 Punkte unter Ligaschnitt!), die Duncan-Spurs, die Ewing-Knicks … und das war’s auch schon. Einzelne Saisons mit +7 wurden schon etwas häufiger geschafft, lang ist die Liste aber nicht.
Schon jetzt bewegen sich die Thunder auf seltenem Terrain, dabei sieht es nicht danach aus, als wäre das Ende der Fahnenstange für diese defensive Dominanz bald erreicht. Denn dafür steht die Thunder-Verteidigung auf zu vielen Säulen.
| Team | Saison | Rel. Defensiv-Rating | Playoff-Resultat |
| Spurs | 03/04 | -8,8 | 2. Runde |
| Celtics | 07/08 | -8,6 | Champion |
| Thunder | 25/26 | -7,9 | ? |
| Bucks | 19/20 | -7,7 | 2. Runde |
| Pistons | 03/04 | -7,5 | Champion |
| Pacers | 13/14 | -7,4 | Conference Finals |
| Spurs | 15/16 | -7,4 | 2. Runde |
| Spurs | 04/05 | -7,3 | Champion |
| Thunder | 24/25 | -7 | Champion |
| Bulls | 10/11 | -7 | Conference Finals |
| Celtics | 10/11 | -7 | 2. Runde |
Beispiellose Tiefe
Der wichtigste Faktor ist das Personal. General Manager Sam Presti hat über die Jahre einen Kader zusammengestellt, der vor individuell starken Verteidigern und vor Flexibilität nur so strotzt. Es gibt keine echten Schwachstellen, jedenfalls nicht lange; wer individuell etwas abfällt, wird indoktriniert, bis er mindestens solide verteidigt (Isaiah Joe wäre dafür ein Beispiel).
Und das sind Ausnahmen. Die Kernrotation ist voll mit Spielern, die schon in All-Defensive Teams standen oder bald in welchen stehen sollten. OKC ist dabei so tief, dass der Druck nicht abfällt, wenn durchrotiert wird, im Gegenteil. Mit Alex Caruso kommt der individuell vielleicht beste "kleine" Verteidiger der NBA sogar von der Bank, spielt bloß rund 18 Minuten, in denen er maximales Chaos stiften kann.
Die Thunder können es sich leisten, einen ihrer bloß zwei Ü30-Spieler in der Regular Season bei so wenigen Minuten zu halten, weil sie allein auf dem Flügel eben auch noch unter anderem Lu Dort (All-Defensive First Team 2025) und Cason Wallace (Defensive Player des Monats im November) aufbieten können. Und Williams, der 24/25 selbst im All-Defensive Second Team stand. Und Shai, der selbst ein mehr als solider defensiver Playmaker ist. Und …
All diese Spieler wissen genau, was Head Coach Mark Daigneault von ihnen sehen will. Und sie sind physisch, athletisch und lang genug, um all dies auch umzusetzen.
Zack und weg
Kein Team übt einen größeren Druck auf gegnerische Ballhandler und Passer aus als die Thunder (auch wenn manche Nachahmer, namentlich die Pistons, die Distanz verkürzt haben). Sie spielen physisch, stets am Rande der Legalität, wobei sie es mittlerweile viel besser schaffen, Fouls zu vermeiden (noch in der vergangenen Saison erlaubten sie Gegnern die fünfthöchste Freiwurfrate der NBA - jetzt ist es die fünftniedrigste).
Selbst als das noch anders war – in gewisser Weise waren die Freiwürfe eingepreist, akzeptiert, weil das Positive klar überwog. Und überwiegt. Es macht keinen Spaß, gegen OKC zu spielen. Gerade Teams, die nur einen designierten Playmaker haben, tun sich besonders schwer damit, gegen das organisierte Chaos der Thunder-Defense eine Struktur zu wahren.
Es ist kein Zufall, dass Teams mit mehreren Ballhandlern wie Indiana im Vorjahr oder San Antonio in der laufenden Spielzeit am besten mit den Thunder zurechtkommen - sie ermöglichen es der Defense weniger, sich um bestimmte Areale zusammenzuziehen. Und selbst diese Teams müssen höllisch aufpassen, sonst ist der Ball weg.
Rund 17 Prozent der Angriffe gegen OKC enden in einem Ballverlust, seit zwei Jahren. In den 25er Playoffs betrug dieser Wert sogar 18,3 Prozent. Fast ein Fünftel der gegnerischen Angriffe endeten also ohne versuchten Wurf, in den Händen des Gegners. Viel stärker lässt sich eine Offense kaum handicappen.
Becken voller Piranhas
Gleichzeitig sind die Thunder weit mehr als eine Turnover-Maschine. Sie schaffen es, einerseits Druck zu machen und auf Steals zu spekulieren, weshalb auch Pässe nur dann versucht werden sollten, wenn sie blitzsauber gespielt werden - sie verspekulieren sich aber kaum und sichern sich gegenseitig so gut ab, dass kaum mal eine echte Lücke preisgegeben wird.
Was vor allem innerhalb der Dreierlinie gilt. Tatsächlich "erlauben" die Thunder draußen sogar viel, seit Jahren lassen sie die meisten Eckendreier zu, was nach Layups vermeintlich die wertvollsten NBA-Würfe sein sollten. Das stimmt eigentlich auch, den Thunder tut es jedoch kaum weh, weil sie Teams dafür alles andere wegnehmen beziehungsweise erschweren können.
Je näher man dem Korb kommt - wenn der Ball nicht schon zuvor verloren wurde -, desto schwerer wird es, zu scoren. Sowohl aus der Mitteldistanz (speziell der kurzen) als auch am Ring erlauben die Thunder gegnerischen Teams die miesesten Quoten; in beiden Arealen ist die Defense 25/26 sogar noch stärker als im Meisterjahr.
In gewisser Weise müssen gegnerische Driver auf dem Weg zum Ring erst ein Becken voller hungriger Piranhas durchqueren - und dann wartet dort noch ein riesiger Oktopus. Oder so ähnlich - wie man Chet Holmgren eben bezeichnen will. Der in einer Defense voller Spezialzutaten vielleicht die speziellste aller Zutaten darstellt.
Die Special Sauce
Holmgren ist trotz seiner Länge schnell genug, um vor den meisten Perimeter-Spielern zu bleiben, die Integrität auf dem Flügel also nicht zu gefährden. Vor allem aber ist er seit seiner Ankunft in der NBA einer ihrer besten Ringbeschützer; tatsächlich hätte er gute Argumente für die Nummer eins, wenn sein Debüt nicht mit dem von Victor Wembanyama koinzidiert hätte.
So oder so: Holmgren bringt ein großartiges Timing als Shotblocker mit, verteidigt aggressiv, ohne dabei häufig foulen zu müssen. Er ist blitzschnell für den Second Effort zurück in der Luft; dank seiner langen Arme und seiner Agilität gelingen ihm regelmäßig defensive Plays, die sonst körperlich bloß Wemby und Giannis noch im Repertoire haben.
Die Zahlen untermauern seinen Sonderstatus als Verteidiger. In jeder seiner bisher drei Saisons trafen Gegner unter 60 Prozent am Ring, wenn er auf dem Court stand; in der aktuellen Saison sind es bis dato 57,5 Prozent. Das reichte stets mindestens für das 97. Perzentil. Und das vielleicht beste daran: Holmgren hat diesen Impact unabhängig davon, ob er als "Power Forward" neben einem bulligeren Big Man wie Isaiah Hartenstein startet oder als alleiniger Big Man fungiert.
Er ist sozusagen der ultimative Cheat-Code für eine Defense, die auch mit nur fairen Mitteln schon ziemlich unfair wäre.
Nur eine Schwäche bleibt
Gleichzeitig ist die einzige defensive Schwäche Holmgrens irgendwie auch die einzige nachweisbare Schwäche der Thunder-Defense. Er ist ein bloß solider Defensiv-Rebounder - was kein Wunder ist, da er physisch kein Banger ist und sich mit dem Versuch, Würfe zu blocken, konstant (und gewollt) aus solider Ausbox-Position bringt.
Noch vor knapp zwei Jahren war diese Thematik eine legitime Achillesferse - und vielleicht der Hauptgrund dafür, warum OKC 2024 im ersten Versuch "nur" die zweite Playoff-Runde erreichte. Es ist insbesondere durch die Verpflichtung von Hartenstein schon deutlich besser geworden: 23/24 erlaubte OKC Gegnern noch die zweithöchste Offensiv-Rebound-Rate der Liga, heute landen die Thunder im Mittelmaß (Platz 17).
Auch die "Center Chet"-Lineups sind bei weitem nicht mehr so anfällig, wie sie es in dessen Rookie-Jahr noch waren. Und trotzdem wirkt das defensive Brett bisweilen noch immer wie die einzige echte Angriffsfläche, die Oklahoma City konstant anbietet. Und die Rebounds sind die einzige Kategorie des Possession Games, welche von den Thunder nicht dominiert wird.
Auf einem guten Weg
Gänzlich unverwundbar sind sie nicht, natürlich. Zumal das moderne Regelwerk der NBA die Offensive in eine wenigstens leicht vorteilhafte Position bringt. Und zu viel Dominanz ohnehin langweilig wäre, wie schon Shaq damals wusste: "So sagt Gott, dass niemand perfekt ist. Wenn ich 90 Prozent von der Linie treffen würde, das wäre einfach nicht rechtens." Das stimmte.
Das Ziel kann nur lauten, es allen anderen so schwer wie möglich zu machen, das Spiel so weit wie möglich für die eigene Seite kontrollierbar zu machen. Auf die Defense übertragen: (Deutlich) mehr nehmen, als man gibt. Dies hat schon jetzt selten ein Team so sehr verinnerlicht wie diese Thunder.
Es ist der Hauptgrund, warum sie dynastisches Potenzial besitzen, mindestens aber mitten in der Verlosung bleiben sollten, solange sie diese Stärke beibehalten. Sie ist gewissermaßen nicht minder wertvoll als der wertvollste Spieler der Liga …






































