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Kommentar zur WM-Farce in Gizeh

Usyk vs. Verhoeven: Das absurde Pyramiden-Spektakel

Oleksandr Usyk darf sich auf einen Zahltag freuen - der Ukrainer unterhält in seiner Heimat eine Stiftung zugunsten seiner kriegsgeplagten Landsleute
Oleksandr Usyk darf sich auf einen Zahltag freuen - der Ukrainer unterhält in seiner Heimat eine Stiftung zugunsten seiner kriegsgeplagten Landsleute
Foto: © IMAGO/Fareed Kotb
02. März 2026, 09:06

Schwergewichts-König Oleksandr Usyk bekommt in Ägypten ein Spektakel serviert. An den Pyramiden von Gizeh verteidigt der Ukrainer seine Krone – nur nicht gegen einen Boxer. Der Kampf gegen Kickbox-Legende Rico Verhoeven ist die nächste Faustkampf-Farce, die sich in eine Liste bescheuerter Zirkuskämpfe einreiht. Ein Kommentar.

"Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon." Nun gut, die Bibel eignet sich als Leitmedium für das Geschäft des Preisboxens sicher nur bedingt. Und wir wollen hier auch nicht heiliger (oder scheinheiliger) sein als der Papst. Daher vorweg: Keiner sollte dem gottesfürchtigen Christen Oleksandr Usyk übelnehmen, dass er sich hat verführen lassen.

Oleksandr Usyk, der ungeschlagene Weltmeister im Schwergewicht, verteidigt seine Krone am 23. Mai gegen Kickbox-Champion Rico Verhoeven. In Ägypten. An den Pyramiden von Gizeh. Dort, wo Historiker den Ursprung des Faustkampfes 3000 v. Chr. verorten. Andere Quellen schreiben den alten Griechen die Zivilisierung des sich auf die Murmel hauen zu, aber geschenkt.

Das Prinzip des Pyramiden-Spektakels liegt eh im alten Rom und heißt panem et circenses. Brot und Zirkusspiele, wobei der Fokus hier weniger auf Volkes Brote, sondern eindeutig auf dem Zirkus liegt. Der Kaiser – oder besser gesagt der Scheich –, der diesen Zirkus in die Wüste führt, heißt Al-Sheikh. Turki Al-Sheikh. Der Box-Mogul aus Saudi-Arabien hat das "Crossover-Match" zwischen Box- und Kickbox-Weltmeister beschlossen. Besonders Usyk dürfte pharaonenhaft entlohnt werden.

Sportlich macht dieser Kampf nullkommanull Sinn. Gewiss, Verhoeven ist eine Koryphäe seines Sports. Weltmeister im Kickboxen. 66 Siege aus 76 Kämpfen, 21 Knockouts. Und der Holländer kann sogar einen (!) Sieg im Profiboxen vorweisen: 2014 streckte er einen gewissen Janos Finfera (damalige Bilanz 0 Siege, 5 Niederlagen) in Darmstadt nieder.

Nur: Zwischen dem Böllenfalltor und Gizeh liegen Universen. Gegen Ausnahmeboxer Usyk (24 Siege, 15 Knockouts) hat Verhoeven ohne das Eintreten "besonderer Vorkommnisse" in diesem Leben keine Chance – nicht im Boxring. Skisprung-Olympiasieger Domen Prevc wird immer weiter springen als Jens Luras Oftebro, sein Pendant aus der Nordischen Kombination. Usyk wird immer besser boxen als Verhoeven.

WBC segnet Usyk gegen Verhoeven als WM-Kampf ab

Es geht einzig um Geld. Nicht um Ruhm, um Gloria. Auch wenn Al-Sheikh sein gigantomanisches Spektakel mit dem von ihm erworbenen US-Magazin "The Ring" als historisches Ereignis unter dem Titel "Glory in Giza" inszeniert. Die 1922 gegründete "Bibel des Boxens" war einst ein Gralshüter, der über das korrupte Boxgeschäft wachte, Zirkus als Zirkus benannte und Unsinn als Unsinn anprangerte. 100 Jahre später ist "The Ring" zu einem "Promotion Tool" verkommen.

Dass die Protagonisten den Kampf zuspitzen, überrascht nicht. Ein "gefährlicher Kampf" sei Verhoeven für Usyk, betonte Al-Sheikh. "Undisputed gegen Undisputed" – die unumstrittenen Herrscher ihrer Sportarten im Duell –, jubilierte Verhoeven. Und Usyk adelte seinen Kontrahenten zum "König der Kickboxer". Die Show muss befeuert werden.

Ebenso wenig überraschend flatterte am Sonntag das offizielle Bulletin herein, wonach die "Gouverneure" des Boxerbandes WBC den Zirkuskampf als Duell um Uyks Weltmeister-Gürtel abgesegnet haben. Eine Organisation, die die Integrität des Boxsports schützen soll, untergräbt sie. Geschenkt, dass Verhoeven die eigenen Kriterien eines "qualifizierten Herausforderers" (Kapitel 3.3. der WBC-Regeln) nicht erfüllt (gar nicht erfüllen kann, er ist ja kein Boxer).

Beim Verband aus Mexiko-Stadt hat man im Regelwerk schon vorgebaut. Unter "besonderen Umständen" kann der WBC-Vorstand einen Herausforderer akzeptieren, auch wenn er nicht qualifiziert ist (Artikel 3.3.7.). Zumal, wenn es sich um ein "Special Bout" (Artikel 3.8.) handelt – und wer würde bestreiten, dass Usyk vs. Verhoeven "speziell" ist? Beim WBC kann man sehr wohl Gott und dem Mammon dienen. Gott ist Geld.

Der WBC kassiert die üblichen drei Prozent an "Sanktionsgebühren" für die "Weltmeisterschaft" in Gizeh. Wird angesichts der Börse ein nettes Sümmchen. Die Karawane zieht weiter - und Agit Kabayel muss weiter warten. Der Deutsche ist als Interims-Weltmeister des WBC Usyks Pflichtherausforderer. Die Funktionäre haben ihm versprochen, dass er nach Verhoeven endlich dran ist. Was das Versprechen wert ist, wird sich zeigen.

Video: Giganten-Gipfel: Usyk "schlägt" Müller

Usyk, Mayweather, Tyson, ... Box-Farcen sind "in"

Usyk gegen Verhoeven ist die nächste Farce in einer Reihe absurder Schaukämpfe. Der Quatsch, Athleten aus verschiedenen Sportarten aufeinander loszulassen, begann mit Muhammad Ali. "The Greatest" kämpfte 1976 in Japan gegen den Wrestler Antonio Inoki. Al-Sheikh griff die Idee Jahrzehnte später auf.

Tyson Fury stieg 2023 gegen MMA-Champion Francis Ngannou in den Ring (und blamierte sich völlig untrainiert um ein Haar). Anthony Joshua haute den hoffnungslos unterlegenen Käfigkämpfer ein paar Monate später gnadenlos um. Weiter ging es mit Box-Ikone Mike Tyson, die sich 2024 für einen veritablen Scheck acht Runden von Youtuber Jake Paul vermöbeln ließ. Eben jenem Paul brach dann Joshua Ende 2025 den Kiefer.

Das Jahr 2026 wird nicht besser. Tyson steigt erneut in den Ring, dieses Mal gegen Floyd Mayweather. Der 49-jährige wiederum hat das Ende seiner Rente angekündigt, trifft im Herbst auf seinen 46-jährigen Erzrivalen Manny Pacquiao. Revanche für den schon 2015 stinklangweiligen "Kampf des Jahrhunderts". Alles absurd.

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