Die ultimative Konfrontation mit dem IOC um den "Helm des Gedenkens" scheint programmiert: Der ukrainische Skeletonfahrer Vladyslav Heraskevych will von seiner Position nicht abrücken.
Der Konflikt zwischen dem ukrainischen Skeletonfahrer Vladyslav Heraskevych und dem Internationalen Olympischen Komitee (IOC) spitzt sich zu und könnte beim Rennen am Donnerstag eskalieren.
Während das IOC auf seiner Position beharrt, Heraskevychs Helm mit den Bildern getöteter Sportler verstoße gegen die Richtlinien, sieht das der 27-Jährige anders. "Das IOC hat die Situation um den 'Helm des Gedenkens' zu einem absurden Theaterstück gemacht", sagte Heraskevych am Mittwochmittag.
Heraskevych spricht von "Doppelmoral"
In einem weiteren Video am Abend sprach er von "Doppelmoral" des IOC und verwies auf einen israelischen Sportler, der bei der Eröffnungsfeier am vergangenen Freitag eine Kippa getragen habe, auf der die Namen der elf israelischen Athleten und Trainer standen, die 1972 bei den Olympischen Spielen in München von Terroristen getötet wurden. Er "verstehe ehrlich gesagt nicht, worin der grundlegende Unterschied" zwischen diesem und seinem Fall bestehe, so Heraskevych.
IOC-Sprecher Mark Adams hatte zuvor betont: "Wir werden den Athleten heute abermals kontaktieren und ihm die vielen Möglichkeiten aufzeigen, seine Trauer auszudrücken, wie wir es bereits besprochen haben." Die Konsequenz von Disziplinarmaßnamen sprach Adams nicht direkt aus, sie geht aber aus der IOC-Charta hervor.
Heraskevych könne außerhalb des Wettkampfs "seinen Helm tragen, er kann seinen Helm zeigen, er kann damit durch die Mixed Zone gehen, er kann mit Leuten reden", erklärte Adams und betonte: "Wir werden mit ihm sprechen, um ihm zu erklären, dass es im Interesse aller liegt, dass er an Wettkämpfen teilnimmt und seine Meinung äußern kann." Auf die Frage, ob und wann konkret eine Disqualifikation ausgesprochen würde, ging er nicht sein. Dies sei "hypothetisch".
Heraskevych auf Konfrontationskurs mit dem IOC
Heraskevych, Fahnenträger seines Landes bei den Winterspielen in Norditalien, ist seit Tagen auf Konfrontationskurs mit dem IOC, um seinem Land Sichtbarkeit zu verschaffen. Er trug den Helm am Montag, Dienstag und auch am Mittwoch in den Trainingseinheiten und bekräftigte, er werde den Kopfschutz auch im olympischen Wettkampf (ab Donnerstag, 9.30 Uhr/ZDF und Eurosport) einsetzen. Dies ist laut der IOC-Regel 40.2 verboten, wonach die Meinungsfreiheit gewissen Einschränkungen unterliegt. Auch für die Eröffnungsfeier gelten Restriktionen.
Das Spielfeld, das sogenannte "field of play", sei "heilig", unterstrich Adams und verwies auf unterzeichnete Erklärungen durch Tausende Athleten.
Heraskevych verwies ferner auf den US-Eiskunstläufer Maxim Naumov, der am Dienstagabend nach seinem Kurzprogramm mit einem Bild seiner bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommenen Eltern gedacht hatte.
"Das war eine sehr emotionale, sehr menschliche, spontane Geste, und ich denke, jeder würde jemanden verstehen, der seine Eltern auf so tragische Weise verloren hat. In gewisser Weise unterstreicht sie genau das, was wir sagen wollen", sagte Adams und fügte hinzu: Heraskevych könne "genau dasselbe tun".
Heraskevych bestreitet derweil jede politische Absicht. Der Helm sei ein Ausdruck von Gedenken. Für ihn geht es darum, die Realität des russischen Angriffskrieges in der Ukraine zu zeigen. Sein Land zahle "jeden Tag einen Preis" in diesem Krieg, und Sportler seien Teil dieser Opfer. Heraskevych bezieht sich auch auf das Beispiel des deutschen Gewichthebers Matthias Steiner, der 2008 nach seinem Olympiasieg in Peking ein Foto seiner verstorbenen Frau präsentierte. Für Heraskewytsch ein Beleg dafür, dass persönliches Gedenken Platz habe.
Rückhalt erhält der Ukrainer aus Sport und Politik. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj sowie das Nationale Olympische Komitee der Ukraine stehen klar hinter ihm. Der dreimalige Rodel-Olympiasieger Felix Loch sagte dem SID, er könne Heraskevych verstehen. "Da ist kein Text oder irgendwas mit dabei", erklärte Loch und ergänzte, eine mögliche Disqualifikation seines Freundes, der 2022 mit Familie Loch Weihnachten gefeiert hatte, wäre "traurig" und "ein bisschen ein Skandal". Box-Ikone Wladimir Klitschko wirft dem IOC Heuchelei vor.



