Die Buffalo Bills haben zwei Tage nach ihrem bitteren Playoff-Aus gegen die Denver Broncos in der NFL etwas überraschend die Reißleine gezogen und Head Coach Sean McDermott entlassen. Doch warum jetzt? War dies konsequent und wie geht es weiter? Die wichtigsten Fragen und Antworten.
Nach der 30:33-Overtime-Pleite der Bills steht die Organisation mal wieder vor der Erkenntnis, dass es einmal mehr nicht gereicht hat für Superstar-Quarterback Josh Allen und sein Team. Das ist besonders bitter, weil der Weg nun scheinbar frei war, ohne die Hürde Patrick Mahomes und die Kansas City Chiefs nehmen zu müssen. Oder Joe Burrow und die Bengals und selbst Lamar Jackson und die Ravens hatten die Postseason verpasst.
Dennoch scheiterten die Bills einmal mehr im Divisional Game, zum vierten Mal schon in den vergangenen fünf Jahren. Für McDermott war dies wohl ein Misserfolg zu viel, denn im Anschluss war Schluss für ihn. Fragen wirft dies dennoch auf.
Bills: Ist die Entlassung von McDermott gerechtfertigt?
Schaut man sich die Ergebnisse insgesamt seit McDermotts Ankunft in Buffalo im Jahr 2017 an, dann muss man sich schon fragen, ob hier nicht der falsche Sündenbock gefunden wurde. McDermott hat eine Bilanz von 98-50 in der Regular Season. Sein Team hat von 2020 bis 2024 fünfmal am Stück die AFC East gewonnen und damit erstmals seit 1995 wieder - lange bevor ihnen ein gewisser Tom Brady über zwei Jahrzehnte lang naturgemäß im Weg stand.
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Zur Wahrheit gehört aber auch, dass die Bills mit dem konstanten Regular-Season-Erfolg seit Anfang dieses Jahrzehnts andere Ansprüche hatte als zuvor. Playoffs wurden gewissermaßen zur Selbstverständlichkeit im Westen New Yorks. McDermott erreichte die Playoffs in acht seiner neun Jahre bei den Bills und verpasste sie zuletzt 2018. Doch den großen Traum dieser Organisation, erstmals überhaupt die Vince Lombardi Trophy nach Buffalo zu holen, erfüllte auch er nicht.
Seit der Saison 1993 wartet man überhaupt auf eine Teilnahme am Super Bowl, doch Playoffs waren nicht unbedingt gütig zu McDermott und seinem Team. Seine Bilanz im Januar? 8-8, womit die Bills das erste Team mit sechs Jahren am Stück mit mindestens einem Sieg in den Playoffs sind, das nicht mindestens einmal den Super Bowl gewann.
Und schaut man genau hin, muss man ihn dafür durchaus (mit-)verantwortlich machen. McDermott, dessen Background die Defense ist, hat in den vergangenen sechs Saisons sechs Niederlagen in den Playoffs kassiert und seine Defense ließ in diesen sechs Spielen im Schnitt 33,2 Punkte im Schnitt zu. Zudem belegte man im Liga-Vergleich in der Spanne dieser sechs Spiele relativ zu allen Teams Rang 29 in defensiver Success Rate und Rang 27 in defensiven EPA/Play. Das ist kurz gesagt einfach zu schlecht.
Ich selbst hatte bereits vor zwei Jahren hinterfragt, ob McDermott angesichts seiner defensiven Gameplans noch der richtige ist. Während es ihm und den Bills in den vergangenen Jahren bereits mehrfach gelungen war, speziell Mahomes und die Chiefs mit ihrer Defense auszuhebeln, ging er in den Playoffs stets von der gewinnbringenden Formel - konsequente Blitzes - wieder ab, wurde konservativ und vorsichtig und wurde bestraft.
Doch auch wenn es in diesem Jahr 33 Punkte gegen die Broncos waren, die am Ende zu viel waren, muss man zumindest mal den Zeitpunkt dieser Entlassung hinterfragen. Warum genau jetzt? Die offenbar zutreffende Antwort ist: weil Owner Terry Pegula die Geduld ausging und er die Gefahr sieht, dass sich das durch Allen offene Titelfenster schnell wieder schließen könnte. Anders als in den vergangenen Jahren nämlich sind nicht nur die Chiefs die Hürde auf dem Weg zum gelobten Land. Die AFC ist offener denn je und jetzt scheinen auch noch die New England Patriots mit dem angehenden Superstar Drake Maye als altbekanntes Schreckgespenst zurück zu sein.
Bills: Zahlreiche Baustellen im Kader
Will man also was ändern, dann jetzt, denn so gut Allen auch ist, wird er nicht jünger. Zur neuen Saison wird er bereits 30 Jahre alt sein.
Doch jener Allen hatte eben selbst großen Anteil an der jüngsten Pleite: er leistete sich vier Turnovers im Spiel in Denver und überwarf noch dazu einen offenen Dawson Know kurz vor Spielende mit einem Pass, der zu einem vermeintlich einfach Touchdown geführt hätte. Das wäre der Sieg gewesen!
Hinzu kommt, dass McDermott eben auch mit einem Kader leben musste, der keinesfalls ideal besetzt war. Das Receiving Corps war schon im Vorjahr ein großes Problem, das sich in dieser Saison noch verschlimmerte. Außer Khalil Shakir gab und gibt es weit und breit kaum zuverlässige Anspielstationen mehr. Deep Threat Brandin Cooks (32) kam erst im November via Trade dazu und bis auf Running Back James Cook, der zwar die Liga in Yards anführte, sich aber auch zahllose Ballverluste leistete, gab es schlicht keine Playmaker in diesem Team. Die Erfolgsgrundlage war im Grunde: Superman Allen macht das schon. Am Samstag jedoch machte er es nicht und daran scheiterten die Bills.
Verantwortlich für diesen Kader wiederum ist General Manager Brandon Beane, der maßgeblichen Anteil am Misserfolg haben sollte. Seine größte Tat war es unzweifelhaft, Josh Allen zu draften. Das war ein absoluter Glücksgriff. Doch was hat er seither im Draft gemacht? Nach dem Erstrundenpick 2018 für Allen haben die Bills bis heute noch 63 weitere Spieler gedraftet. Davon wurden nur vier irgendwann mal in den Pro Bowl gewählt, nur drei jedoch in Diensten Buffalos und nur zwei davon sind noch im Kader (Cook, Knox).
Insofern muss man Beane zumindest eine Teilschuld dafür einräumen, wie diese Saison und wie die letzten Jahre gelaufen sind. Owner Terry Pegula sieht das offenkundig anders, denn er hat Beane statt ihn ebenfalls zu entlassen sogar befördert. Beane wird künftig der President of Football Operations der Bills sein und alle sportlichen Belange überblicken.

Wie geht für McDermott weiter?
Mit seiner Siegquote von .662 ist er einer der erfolgreichsten Coaches, die nun auf dem Markt sind. Ein Markt, der nun noch sechs von zehn offenen Stellen hat. Dem Vernehmen nach sind einige der Teams, die noch auf der Suche sind, jetzt sehr interessiert daran, zumindest mal mit McDermott (51) zu reden. Noch sind keine Namen durchgesickert, doch schon angesichts des insgesamt überschaubaren Kandidatenkreises dürfte McDermott genügend Interessenten haben.
Die Frage dann ist, ob McDermott überhaupt so schnell wieder einen Trainerposten in der NFL übernehmen will. Das Feuer jedenfalls brennt, wie er nach der Niederlage in Denver gezeigt hat, als er vehement die Schiedsrichterleistung im Spiel kritisierte. Es ging da vor allem um die Handhabung der Interception, die verdächtig wie ein Catch von Cooks aussah. Er ist im Wettbewerbskomitee und hat eine Stimme in dieser Liga.
Zugleich stellt sich die jedoch die Frage, ob er nach neun Jahren Buffalo nicht vielleicht erstmal ein Jahr Pause nehmen will. Noch gab es dazu allerdings keine Anzeichen.
Was machen die Bills jetzt?
Die Bills müssen jetzt aufs Tempo drücken. Dadurch, dass sie sich erst jetzt von ihrem Head Coach getrennt haben, spielt Zeit eine große Rolle. Alle anderen Teams, die mit ihnen im Boot sitzen, hatten schon Gelegenheit, erste Gespräche mit Kandidaten zu führen. Und ab jetzt sind Interviews erst wieder möglich, wenn das jeweilige Playoff-Team ausgeschieden ist.
Erschwerend hinzu kommt, dass mit John Harbaugh und Kevin Stefanski die zwei gefragtesten Head Coaches bereits vom Markt sind - wobei sich beide womöglich jetzt ärgern werden, dass sie nicht die Chance bekommen haben, ein Team mit einem Superstar-Quarterback wie Josh Allen zu übernehmen, weil sie eben schon woanders unterschrieben hatten, bevor dieser sehr begehrte Job frei wurde.
Ein Name, der bereits jetzt kursiert, ist Brian Daboll. In New York ultimativ gescheitert spricht für ihn vor allem die Tatsache, dass er eine starke Connection zu Allen hat. Er war der Offensive Coordinator des Teams von 2018 bis 2021, also genau in der Zeit, als sich Allen allmählich vom wankenden Projekt zu dem Star entwickelte, den wir heute kennen. Beide haben eine gute Connection zueinander, was ultimativ den Ausschlag geben könnte.
Allerdings würde auch er die Defense in großen Spielen nicht fixen, was bekanntlich eines der größeren Probleme unter McDermott war. Der Neue, wer auch immer es wird, steht jedoch auch vor dem Problem, erstmal einen emotionalen Scherbenhaufen aufkehren zu müssen. Nicht wenige Leistungsträger zeigten sich am Montag geschockt von der Entlassung von McDermott. Sie alle hatten gute Verhältnisse zum Coach und gerade sie müssen nun wohl erstmal wieder aufgebaut werden.

Bills: Auch Beane in der Pflicht
Allen voran natürlich Allen, der schon nach dem Spiel seine Tränen nicht zurückhalten konnte. Er nahm die Schuld für die Pleite zwar auf sich, doch ist es eben keine Selbstverständlichkeit, dass er wirklich immer Unmenschliches leistet.
Für Beane wiederum heißt es nun, die zahllosen Baustellen seines Kaders zu beheben. Gelingt ihm dies nämlich nicht, wird auch der kommende Head Coach einen schweren Stand haben, wenn es darum geht, dieses Team endlich in den Super Bowl zu führen - völlig losgelöst von der starken Konkurrenz in der eigenen Conference.








