Die Regular Season der NFL ist Geschichte und wir haben womöglich einen neuen Topfavoriten. Die NFC South bekam das verdiente Ende und die Playoffs dürften ein Fest werden.
sport.de-Redakteur Marcus Blumberg nennt an jedem Montag seine Erkenntnisse der NFL-Woche.
Sind die Seahawks nun der Topfavorit?
In einem Jahr wie diesem ist es sicherlich schwer, tatsächlich den einen Topfavoriten auszumachen. Keine Frage. Aber die Seahawks haben sicher ein dickes Ausrufezeichen am Samstagabend gesetzt. Sie sind in San Francisco einmarschiert und haben dieses bis dahin heiße Team in allen Belangen dominiert.
Sie haben den Niners ihr Run Game aufgezwungen und sie hatten auch keine große Mühe mit der eigentlich guten Passverteidigung der 49ers. Die Offensive Line hatte das Spiel von Beginn an im Griff. Hinzu kam, dass die Seahawks-Defense ebenfalls groß aufspielte und das Run Game der Hausherren komplett ausgeschaltet hat. Christian McCaffrey führte die NFL in diesem Jahr mit Missed Tackles Forced an, in diesem Spiel jedoch hatte er keinen einzigen und wurde gefühlt bei jedem Run durch die Mitte an oder kurz nach der Line of Scrimmage gestoppt.
Das Bemerkenswerteste jedoch war, wie cool Sam Darnold blieb. Selbst wenn die Niners blitzten - anders war kein Pass Rush möglich mit den bescheidenen Möglichkeiten, die ihnen nach zahlreichen Verletzungen noch bleiben -, blieb er ruhig und machte kaum Fehler. Sein einziger wirklicher Fehler war tatsächlich der lange Sack zu Spielbeginn, als er bei 1st&Goal Zach Charbonnet in der Flat nach Play Action übersah und damit einen sicheren Touchdown verpasste. Am Ende blieben die Seahawks in dem Drive gänzlich ohne Punkte.
Doch ansonsten war das eine komplette Leistung der Seahawks - wenn man von zwei Fehlschüssen von Jason Myers absieht -, auch wenn da am Ende nur 13 Punkte standen. Wer nur drei zulässt, braucht noch nicht mehr.
Statistik spricht für Seahawks
Die Seahawks sind relativ gesund, sie haben ihre vergangenen sieben Spiele am Stück gewonnen und damit die längste Siegesserie der NFC laufen. Und sie haben nun eine Bye Week zur Erholung, ehe sie dann zuhause ihre Reise - aus ihrer Sicht hoffentlich - zurück in die Bay Area starten werden. Fun Fact: Die Seahawks haben noch nie ein Heimspiel in der Divisional Round oder in einem Championship Game verloren ...
Ob das so bleibt, lässt sich natürlich noch nicht voraussagen, doch wird es schwer, in dieser Truppe klare Schwächen zu finden, wenn selbst das Run Game funktioniert.
Die NFC South bekommt das verdiente Ende
Es ist eine Geschichte, die vielleicht noch nicht so alt wie Zeit selbst ist, doch sie ist schon ziemlich angestaubt. Die Carolina Panthers sind der Gewinner dieser Division und das mit einer 8-9-Bilanz. Sie sind damit das erste Team der NFL-Geschichte, das es geschafft hat, zweimal (!) seine Division mit einer negativen Bilanz zu gewinnen. Damit nicht genug! Die Tampa Bay Buccaneers, die ebenfalls das Jahr mit 8-9 beendet haben, hätten sich dieses Gütesiegel selbst auch gesichert, denn auch sie haben das vorher schon mal geschafft.
Den Panthers gelang dies in der Saison 2014 (7-8-1), die Bucs waren schon 2022 mit 8-9 am Ende erfolgreich. Es gibt hier also einen gewissen roten Faden in dieser grandiosen Division, in der ja auch die Atlanta Falcons bei 8-9 standen. Alle drei "Top"-Teams dieser Division hatten am Ende auch noch eine 3-3-Bilanz gegen die eigene Division, sodass ein 3-Way-Tiebreaker zum Tragen kam und da vollbrachten die Panthers eben das Kunststück, irgendwie drei dieser Spieler zu gewinnen - die Bucs kamen auf zwei und die Falcons nur auf einen Sieg.
Dass die Falcons und Saints - beide waren seit Wochen von den Playoffs eliminiert - ganz am Ende auch noch darüber entschieden, welches dieser Unter-.500-Teams die Division gewinnt, war das Sahnehäubchen auf dieser Torte, die nur wie Schokolade aussah.
Die Folge daraus wird sein, dass der #5-Seed der NFC wohl mal wieder der attraktivste Spot der Setzliste ist, denn man fährt zu einem vermeintlichen Freilos. Und: Es ist bei Redaktionsschluss nicht davon auszugehen, dass irgendeines dieser betroffenen Teams personelle Konsequenzen aus einer insgesamt wieder unterirdischen Saison aller Beteiligten ziehen wird.
Konsequenzen im Süden
Die Bucs dürften trotz epischen Meltdown in der zweiten Saisonhälfte an Todd Bowles festhalten, die Falcons jedoch haben überraschend schnell Konsequenzen gezogen und Head Coach Raheem Morris sowie General Manager Terry Fontenot sicherlich zu Recht entlassen. Dafür dürfen wir uns aber vermutlich noch ein weiteres Jahr einreden, dass Bryce Young die Antwort ist in Carolina.
Spannend wird hier eigentlich nur, ob man dessen 5th-Year-Option im kommenden Frühjahr zieht. Aber darüber reden wir nach den Playoffs! Die Saints wiederum sind vielleicht das einzige Team dieser Gruppe, das mit einem positiven Gefühl aus der Saison gehen kann. Sie haben ihren Coach in Kellen Moore und ihren Quarterback in Tyler Shough gefunden. Wenn diese Organisation jetzt die richtigen Schritte macht, könnte sie für die kommende Spielzeit am besten aufgestellt sein.
Trotz Feel-Good-Story: Rivers-Rückkehr war fehlgeleitet
Ich weiß, Small Sample Size und vermutlich ein wenig unfair aufgrund von Recency Bias, doch wer Riley Leonard am Sonntag gegen die Houston Texans gesehen hat, der muss sich einfach die Frage stellen, was genau die Colts dazu veranlasst hat, den High-School-Coach Philip Rivers aus dem aktiven Ruhestand zurückzuholen. Leonard bekam seinen ersten Start in der NFL mit Verspätung in Woche 18 und brauchte nur einen Pass, um zu zeigen, warum er und nicht Rivers wohl der Move gewesen wäre nach dem Ausfall von Daniel Jones.
Leonard feuerte einen 66-Yard-Pass auf Alec Pierce. Einen solchen hätte Rivers nicht mal werfen können, wenn er es mit großem Anlauf versucht hätte. Und auch sonst sah er nicht wirklich überfordert aus. Der Rookie machte einen insgesamt sehr guten Eindruck. Er war nicht fehlerfrei und warf eine Interception, was gegen diese Secondary bei weitem keine Schande ist.
Leonard spielte zudem im Grunde ohne Run Game, da Jonathan Taylor und Co. weitestgehend abgemeldet waren. Dennoch schwamm sich Leonard frei, kassierte nur einen Sack und wurde letztlich zum ersten Rookie-Quarterback mit mindestens zwei Touchdown-Pässen und einem Rushing Touchdown in seinem ersten Start überhaupt seit einem gewissen Brock Purdy im Jahr 2022.
Rivers' Comeback war eine schöne Geschichte, die zeigte, wie viel man auch heutzutage noch vor allem mit Übersicht und Spielintelligenz anstellen kann. Doch unterm Strich verloren die Colts alle seine Starts und mit sieben Niederlagen am Stück. Der letzte Sieg war am Ende tatsächlich der Erfolg über die Falcons im Olympiastadion. Ich erinnere mich, ich war dabei!
Leonard gekommen, um zu bleiben
Ich werde jetzt nicht darüber spekulieren, ob das Saisonende mit Leonard anders gelaufen wäre als mit Rivers. Wer weiß das schon? Doch gibt Leonards Leistung den Colts nun einiges zum Nachdenken. Der Rookie wird auch in der kommenden Saison da sein. Und da man Anthony Richardson dem Vernehmen nach abgeben will, könnte Leonard mindestens mal der Backup fürs kommende Jahr sein, eventuell sogar der Starter, sollte Jones länger brauchen, bis er von seiner Achillessehnenverletzung zurückkommt.
Stichwort Daniel Jones: Seine Vita und seine Verletzung verleiten zudem dazu, nochmal genau darüber nachzudenken, ob man ihn wirklich schon in den kommenden Monaten mit einem lukrativen neuen Vertrag ausstatten will oder mit ihm erstmal Vorsicht walten lässt. Der Franchise Tag ist eine Option, Kostenpunkt laut "Over The Cap" vermutlich rund 46 Millionen Dollar. Eine Summe, die sicherlich unter dem liege, was Jones mit einem längeren Vertrag im Schnitt bekommen würde.
Leonard jedenfalls ist hier, um erstmal zu bleiben und Dinge infrage zu stellen.
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Die Playoffs werden wild!
Was war das für eine NFL-Saison? An so viel Chaos über den gesamten Saisonverlauf hinweg kann ich mich in all den Jahren, in denen ich die NFL nun schon verfolge, nicht wirklich erinnern. Sicherlich war die Covid-Saison 2020 ebenfalls schwer vorhersehbar aufgrund bekannter Umstände. Aber was in diesem Jahr passierte, ist nur schwer zu erklären. Das jedoch dürfte jetzt zu äußerst unterhaltsamen Playoffs führen.
Selbst wenn wir die Seahawks als Favoriten in der NFC betrachten. Wen wollen wir als Nummer 2 usw. in der Conference sehen? Und vor allem: Wer ist der Favorit der AFC? Die Broncos mit ihrer enormen Defense, aber schon aufgrund des erzkonservativen Sean Payton fragwürdigen Offense? Die Patriots nach ihrem leichten Schedule und zumindest mal zuweilen fragwürdigen Defense? Vielleicht die Jaguars, die gerade ziemlich heiß wirken? Ich will jetzt niemanden langweilen und meinem Power Ranking unter der Woche (SPOILER!) nicht vorgreifen, doch so richtig klar ist das nicht, auf wen man hier wetten sollte.
Auch sollte Heimrecht nicht unbedingt der ausschlaggebende Faktor sein, denn keines der AFC-Teams ist zuhause ungeschlagen. Auswärts haben nur die Patriots eine reine Weste, doch dafür eben zuhause dreimal verloren. Und sie würden als 2-Seed frühestens im Championship Game auswärts antreten ...
Nahezu alle Teams haben gute Quarterbacks, was zusätzlich für Zündstoff sorgt. Und da die Chiefs gar nicht erst antreten, ist der große böse Wolf eben auch nicht dabei, was Verschwörungstheoretikern auch gleich den Wind aus den Segeln nimmt - wenn Schiedsrichter irgendwen bevorteilen, dann nur, weil sie einfach schlecht sind.
Entsprechend wird das alles eine große Wundertüte. Für uns Beobachter natürlich fantastisch!









